Freundschaft und Zusammenhalt – Mauerweglauf 2019

Bei diesem Wettkampf sind einige wirklich schräge Dinge passiert. Ich schwöre euch hoch und heilig, dass ich alles so erlebt bzw. wahrgenommen habe, wie hier geschrieben. Nichts habe ich willentlich abgeändert oder hinzugefügt. Allerdings hat sich durch die massive Anstrengung meine Wahrnehmung zunehmend verschoben. 

Und dann ist es soweit: Schritt für Schritt tripple ich wieder in den Ludwig-Jahn-Sportpark hinein, laufe die Ehrenrunde zum Ziel. Obwohl dunkle, späte Nacht sind sowohl am Eingang des Sportparks als auch im Ziel viele Menschen und applaudieren. Ich nehme alle Kraft zusammen um die Ehrenrunde zu laufen und nicht zu gehen. Erschöpft und überglücklich laufe ich über die Ziellinie direkt zu einer Bank, plumpse auf sie und bleibe erstmal sitzen und lassen Alles wirken. Ich bin eine super Zeit gelaufen, nah dran an der erträumten.

Diese Vorstellung habe ich in den letzten Monaten wieder und wieder vor meinem inneren Auge gesehen, sie mir während unzähliger Trainingseinheiten und auch nachts im Bett wieder und wieder vorgestellt und durchlebt. Dadurch ist sie immer realer geworden. 

Heute möchte ich sie wirklich und echt in die Realität umsetzen, erleben und durchleben. 162 Kilometer, den ganzen Weg der ehemaligen Mauer entlang vom Ludwig-Jahn-Sportpark aus gegen den Uhrzeigersinn um Berlin nach Postdam über Checkpoint Charlie zurück wieder in den Ludwig-Jahn-Sportpark ins Ziel hineinlaufen. In tiefer Nacht werde ich in Berlin City um die feiernden Gestalten im Zickzack herum laufen müssen. Und das obwohl ich erst vor 14 Monaten meinen ersten Ultralauf finishte.

Ich freue mich total, dass es endlich losgeht, seit November letzten Jahres bereite ich mich auf diesen Lauf vor, alle Wettkämpfe seither waren letztendlich Vorbereitungs- bzw. Trainingsläufe für dieses Ziel, den Mauerweglauf, dem schwierigsten und längsten Laufes meines bisherigen Lebens. Und zum ersten Mal habe ich richtig die Hosen voll. Rein gefühlsmäßig ist ein Scheitern im Bereich des Möglichen. Natürlich kommt das nicht in Frage, solange ich einen Fuß vor den anderen setzen kann, werde ich das auch tun und ich habe viel Zeit, 30 Stunden, das muss ich schaffen. Die ersten 120 Kilometer kann ich in 14 Stunden laufen und hätte für den verbleibenden Marathon noch 16 Stunden Zeit, sagt der Kopf. Aber das ist meinem Gefühl, meiner Angst egal, Angst interessiert Logik nicht. Und der Unterschied zu meinen bisherigen Ultraläufen ist der, dass ich bei Ihnen wusste, dass ich irgendwie finishen würde, diesmal bin ich mir nicht völlig sicher. 

Ich kenne mich. Wegen meines riesigen Ehrgeizes und meiner Angst hätte ich aus Unerfahrenheit viel zu früh viel zu viel trainiert, hätte mich eventuell verletzt oder Anfang Juli eine Bombenform gehabt und wäre Mitte August wie eine Primel eingegangen. Ich bin einfach noch zu unerfahren, fühle mich wie ein Greenhorn beim Veteranentreff. Deshalb habe ich Florian Reus engagiert als „Autorität“, die mich bremst, mir von ihm mein Training steuern lassen. Und es hat sich gelohnt. Gerade im Frühjahr war ich oft über die Trainingspläne erstaunt und dachte „ist das Alles?“. In den letzten 8 Wochen ging es aber dann richtig zur Sache. Erst kamen pro Woche neben einem Lala ein Milala (= Mittellanger Langer Lauf) hinzu und schließlich 2 Lalas in einer Woche. In Spitzenzeiten kamen manchmal 180 – 190 Wochenkilometer zusammen. Und der Kontakt zu Florian ist gut, ich lerne viel von ihm und mag ihn gerne, er ist so wunderbar bescheiden geblieben finde ich.

„Cornelius 100 Meilen sind eine komplett neue Welt, ganz anders als 100 Kilometer. Es geht darum, sich irgendwie zwischen Kilometer 100 und Kilometer 160 von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation durchzuschleppen und sich nicht vorstellen können auch noch 2 weitere Kilometer zu laufen – was anderes wird das nämlich in dieser Phase nicht sein (ich weiß wovon ich rede) – ohne komplett zu resignieren,“ mailte mir Florian im Vorfeld des Mauerweglaufes.

Mit meinem Sohn habe ich eine Wette laufen. Da ich in meinen ersten beiden Ultrawettkämpfen die ersten Kilometer harakirimäßig viel zu schnell angegangen bin, verpflichtete ich mich, sollte ich beim Mauerweglauf in den ersten 120 Kilometern mehr wie 2 Kilometer schneller als 6 Minuten pro Kilometer laufen (Ausnahme abschüssiges Gelände), den nächsten Kandelmarathon mit Eselsmütze zu bestreiten.

Wettkampftag

Um 4 Uhr hatte ich im Hotel groß gefrühstückt. Für uns Läufer wurde das Frühstücksbuffet um kurz vor 4 Uhr geöffnet, danach fuhr uns ein Bus zum Ludwig-Jahn-Sportpark. Ich hatte viel gefrühstückt. Bei diesem langsamen Lauftempo kann ich die ersten Stunden mit vollem Bauch gut laufen, das mache ich zu Hause im Training auch oft. Es sind ja auch noch 2 Stunden bis zum Start. 

Gegen 5.30 Uhr sitze ich mit einem Kaffee in der Hand auf einer Bierbank vor dem Ludwig-Jahn-Sportpark und rede mit Mike, Klaus und Udo. Mike und Klaus kenne ich aus dem Internet. Mit beiden entsteht sofort ein guter Draht als würden wir uns schon ewig kennen. Mit Udo ist der Draht sowieso gut. Diesmal durfte ich sogar seine wunderbare Frau kennenlernen.

Innerlich bin ich angespannt wie noch nie vor einem Lauf, habe wirklich „die Hose voll“. Die Gespräche mit diesen tollen Menschen lenken mich ab. Ich fühle mich nicht allein, eher wie unter Freunden und das obwohl meine Familie viele Hundert Kilometer entfernt in der Südpfalz zu Hause ist. 

Im Internet wird der Start des Mauerwegs live übertragen. Meine Frau ist aufgestanden und wird meinen Start live im Bett hinter dem Laptop verfolgen. Auch will sie meine Zwischenzeiten verfolgen. Bei jeder Verpflegungsstation wird die Zwischenzeit live im Internet veröffentlicht, so wird meine Familie zu Hause mitfiebern. Es tut gut das zu wissen. Um kurz vor 6 Uhr gehen wir in den Sportpark hinein zum Start. Es ist leichter Regen und viel Wärme für heute angesagt. Ich trage mein Vereinsshirt, eine kurze Hose und Kompressionssocken. Ernährungstechnisch habe ich mich für Bewährtes entschieden. In einer Gürteltasche habe ich Salzkapseln und einige Beutel des so ziemlich einzigen Kohlenhydratpulvers deponiert, dass ich vertrage. Dazu 2 Ersatzgels derselben Firma und eine Trinkflasche, in die ich schon die erste Portion des Kohlenhydratpulvers eingefüllt habe und mein eingeschaltetes Handy. Man musste bei der Abholung der Startunterlagen seine Handynummer hinterlegen. Im Briefing wurde darauf hingewiesen, dass es sein kann, dass die Rennleitung einen anruft. Wer nicht erreichbar ist, wird disqualifiziert. Zum Schutz vor Regen und Sonne habe ich mein Laufcappy aufgesetzt. In der Hand halte ich meine kleine Kamera.

Zu drei Dropbagstationen auf der Strecke konnte man persönliche Dinge in so genannten Drobags transportieren lassen. In die ersten beiden Dropbags habe ich weiteres Kohlenhydratpulver sowie 2 Ersatzgels bringen lassen, zur dritten Station Ersatzkleidung (Hose, Socken, Jacke, Ersatzschuhe) sowie meine Nachtausrüstung (Stirnlampe, Ersatzstirnlampe und eine Reflektionsweste) und natürlich weiteres Kohlenhydratpulver. Beim Briefing wurden wir darauf hingewiesen, dass das Tragen einer funktionierenden Stirnlampe einer reflektierenden Warnweste Pflicht ist. „Wer das nicht hat wird aus dem Rennen genommen. Wenn eine Stirnlampe aus technischen Gründen nicht geht auch, das ist dann euer Problem“.

Das Rennen

Wie immer bei Ultraläufen geht der Start ziemlich unspektakulär von statten. Eine kurze Rede, der Sprecher zollt uns Läufern Respekt für unser Vorhaben, dann wird von 10 heruntergezählt und dann geht es los: Eine Runde durch den Ludwig-Jahn-Sportpark, dann aus ihm heraus an einem Stadion vorbei auf die Straßen zur Mauer bzw zum Mauerweg. Obwohl es sehr früh ist, stehen viele Leute am Ausgang des Sportparks und jubeln. Ich bekomme das kaum mit, bin weit weg, in mir, fokussiert, stelle mich auf die Anstrengung ein, die vor mir liegt. Bezüglich meiner Pace sind die ersten Kilometer die schwierigsten, da ich noch völlig angespannt und aufgeregt bin und in solchen Phasen des Rennes dazu neige, viel zu schnell zu laufen. Meine Uhr zeigt starke Paceschwankungen an. Mal bin ich mit 3 Minuten pro Kilometer unterwegs und dann wieder 9, obwohl meine Pace sich kaum geändert hat. Egal, einfach so gut es geht laufen. Die Laufrichtung ändert sich beim Mauerweg jedes Jahr, diesmal geht es gegen den Uhrzeigersinn, so dass die vielen Ampeln erst nachts gegen Ende des Rennens kommen. Wer bei Rot über die Ampel rennt, wird disqualifiziert und bei so gut wie jeder Ampel in den ersten Kilometern stehen Ordner, die das kontrollieren. Mir fällt es schwer bei jedem Grün wieder gleich die richtige Pace zu bekommen, zumal meine Uhr gerade heute so ungenau ist.

Panne

Schon nach wenigen Kilometern werden die Häuser weniger und es kommen erst Grünanlagen und dann immer mehr Bäume, schließlich dichter Wald.

Hier kommt der erste ungeplante Zwischenfall. Wieder und wieder fallen meine Kohlenhydratpulverbeutel aus meiner Gürteltasche heraus. Ausprobiert hatte ich zu Hause 3 Beutel, hier habe ich 4 und 2 Gels. Ich hebe sie immer wieder auf und laufe weiter, stopfe sie besser in die Gürteltasche hinein, bis sie wieder herausfallen. Ich ärgere mich über meine Nachlässigkeit und laufe weiter, kann eh nichts ändern.

Nach 1,5 Stunden ist es Zeit für die erste Ladung Kohlenhydrate. Ich fülle Wasser in meine Flasche, schüttle und trinke etwa die Hälfte gleich, den Rest nach und nach auf der Strecke. Natürlich nehme ich stündlich 2 Salzkapseln zu mir. Regelmäßig kann man Gedenktafeln von ermordeten Maueropfern sehen. Auch fühlt es sich ungut an, sich vorzustellen, wie beklemmend und öde die jetzt schöne Landschaft früher durch die Mauer ausgesehen hatte.

Nach einigen Kilometern geht es aus dem Wald heraus in ein Wassergebiet. In einem Seegebiet sind viele kleine Sportboote. Im Ruderclub Havel kommt eine weitere Verpflegungs- sowie die erste Dropbagstation. Ich habe genug Kohlenhydratpulver für die nächsten 40 oder 50 Kilometer, nehme mir deswegen nichts aus meinem ersten Dropbag und laufe weiter.

Etwa bei Kilometer 40 schließe ich zu zwei anderen Läufern auf, laufe einige Kilometer mit ihnen und rede mit ihnen. Von ihnen erfahre ich, dass wir mit einer 6er Pace unterwegs sind. „Wirklich?“ frage ich. „Meine Uhr spinnt, zeigt ständig schwankende Werte an“ sage ich. „Nein stimmt aber“ sagt er und fragt seinen Begleiter. „Wir sind schon seit einigen Kilometern mal leicht schneller mal leicht langsamer als 6 Minuten pro Kilometer unterwegs“. „Scheiße“ antworte ich, „dann habe ich wohl verloren“ und erzähle ihnen von meiner Wette. „Es sei denn die Verpflegungsstationen und Ampeln retten meinen Ar…“. „Das kann gut sein“ meinen sie, „warte doch mal ab“. Ich verabschiede mich von ihnen und laufe von nun an erheblich langsamer. Einen kurzen Moment schießt durch meinen Kopf der Gedanke, dass durch dieses hohe Tempo in den ersten 40 Kilometern das Ende dieses Laufs ganz hart wird, aber diesem Gedanken gebe ich keine Bedeutung und laufe so gut es geht erheblich langsamer weiter. Bei Kilometer 50 achte ich auf meine Zeit. Ich habe für diese 5:07 Stunden benötigt, geplant waren 5:30 Stunden, das sind Welten, das wird sich später definitiv rächen, ist mir in diesem Moment aber egal.

Fantasie

In Extremsituationen hat mein Unterbewußtsein des öfteren einen ziemlich schrägen Humor. Während ich langsam durch die wunderschöne Landschaft des Mauerweges entlanglaufe beschäftige ich mich mit der wohl verlorenen Wette. Ganz sicher bin ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht, da ich an jeder Verpflegungsstation angehalten und getrunken habe. Ich bin aber immer so schnell wie möglich weiter gelaufen, habe versucht die Aufenthaltszeiten so kurz wie möglich zu machen. Während ich mich damit beschäftige, entsteht in meinem Kopf folgende surreale Phantasieszene:

Richter: „Die Anklage hat das Wort“. 

Anklage: “Der Angeklagte ist ein nutzloses Element unserer Läufergemeinschaft, läuft seine Ultrawettkämpfe immer viel zu schnell ohne Sinn und Verstand und ist damit eine Schande unserer Ultraläufergemeinschaft. Chancen hat er viele bekommen sich zu bessern, sie aber nicht genutzt, auch hier bei einem 100 Meilenlauf läuft er wieder mal viel zu schnell. Ich halte ihn für nicht resozialisierbar. Ich beantrage, dass er als abschreckendes Beispiel für die anderen Läufer unserer Gemeinschaft dazu verurteilt wird, jede Trainingseinheit und jeden Wettkampf mit Eselsmütze zu bestreiten als Schandmahl.

Richter: “Was hat der Angeklagte dazu zu sagen?“

Ich: „Beim WHEW habe ich aber eine gute Pace geschafft. Zu Beginn eines Wettkampfes bin ich extrem aufgeregt und brauche DRINGEND eine Uhr mit genauer Angabe meiner Pace zur Kontrolle derselben. Diesmal hat meine Uhr gesponnen, dafür kann ich nichts und bitte deswegen um Gande“.

Anklage: „Einspruch, nichts als Ausreden. Gnade und zweite Chancen hat der Angeklagte genug gehabt. Er muss hart bestraft werden!“

Richter: „Ich verurteile den Angeklagten, den nächsten Bienwaldmarathon in Eselsmütze zu bestreiten!“ Nach dem Rennen muss ich mir meine Pace mal genau ansehen und sollte ich immer über 6 Minuten pro Kilometer liegen, gehe ich in Berufung“ denke ich mir.

Weitere Panne

Innerlich muss ich schmunzeln über diese Phantasie, hilft aber nichts, ich laufe weiter. Meine Beine sind erheblich schwerer geworden, ich muss mehr kämpfen. Es geht in einen hübsch angelegten Park vom Schloss Sacrow, der nächste Verpflegungsstand sowie die zweite Dropbagstation. Hier kann und muss ich weitere Kohlenhydratpulverbeutel aus meinem Dropbag holen. Ich gehe zum Dropbagstand, nenne meine Startnummer. Der Helfer geht zu den vorsortierten Beuteln, sucht, kommt wieder und sagt „bitte geh erst mal etwas trinken, ich muss genauer suchen!“. Gut, ich trinke und gehe zurück. Nach 5 Minuten kommt er zu mir: „Sorry ich kann ihn nicht finden, war da etwas Wichtiges drin?“ „Ja, das so ziemlich einzige Kohlenhydratpulver, dass ich vertrage“. „Kannst du was essen?“ „Ne, da muss ich kotzen, aber Pech so ist das nun mal, da kann man jetzt nichts machen“. „Du nimmst das aber locker“ sagt er. „Jetzt muss ich mich mit Limonade ernähren, so viel trinken, dass ich in keinen Kohlenhydratmangel kommen, aber so wenig, dass ich mich nicht übergeben muss“ denke ich mir. Erstaunlicherweise nehme ich das in diesem Moment als gegeben hin. Erst im Nachhinein fällt mir auf wie fokussiert ich da war. Ich laufe weiter, nicht wissend wie ich diesen Lauf beenden soll, merke aber in den folgenden Kilometern, dass mir das viel ausmacht. Also nehme ich mein Handy und rufe Simone an, entlaste mich hzw. „kotze“ mich (verbal) aus, erzähle ihr von meinem Leid. Zum Glück wusste ich in diesem Moment nicht, was noch kommen würde. 

Simone hört mir zu, was mir guttut. Zugleich sagt sie mir, dass sie mich im Internet nicht findet, ich gebe ihr den Tip es bei Raceresult zu probieren. Ich sage ihr, dass das was jetzt kommt richtig hart werden wird und bitte sie und meinen Sohn Gabriel an mich zu denken. Sie antwortet, das ganz viele Freunde und Verwandte mitfiebern. Das rührt mich, ich danke ihr und lege auf. 

Über die folgenden Kilometer weiß ich fast nichts mehr. Ich weiß noch dass es um einen See herum ging, durch ein paar Dörfer. Ich hadere mit meinem Schicksaal, bin extrem frustriert und laufe weiter. Meine Beine werden immer schwerer. Bei Kilometer 60 kommt die Gedenktafel des diesjährigen Maueropfers, Dieter Wohlfahrt, der vielen Menschen die Flucht in den Westen als Fluchthelfer ermöglich hat und dabei als sehr junger Mann erschossen wurde. Als Aktion konnte man seine Gedanken auf eine Karte schreiben und an ein Pinnwand pinnen. Ich bin so „weg“ bzw. „im Tunnel“, dass ich es nicht schaffe etwas zu schreiben. So bleibe ich kurz vor der Gedenktafel stehen, gedenke Dieter Wohlfahrt und bekunde meinen Respekt und laufe weiter.

Krise

Am Rande von Postdam passiert es: Ich kann nicht mehr, ich gehe. Wieder und wieder versuche ich zu laufen, schaffe es aber nicht. Während ich durch Potsdam wandere, rechne ich mir aus, dass ich wandernd gegen 3 Uhr das Ziel erreichen werde. Natürlich hatte ich mich bei der Zeitangabe total verrechnet. Die Aufenthaltszeiten bei den Verpflegungsständen hatte ich bei dieser Rechnung gar nicht berücksichtigt, auch nicht die enormen Wartezeiten an den roten Ampeln. Ich wundere mich, wie früh das ist, finde den Fehler nicht und gehe weiter. Insgeheim rechne ich damit, bis zum Ziel wandern zu müssen und programmiere mich darauf. Zur Unterstützung rufe ich Florian an, spreche auf Mailbox und bitte um Rückruf. 10 Minuten später bin ich mir absolut sicher zu finishen und spreche ihm erneut auf Mailbox und sage, dass sich das erübrigt hat. 10 Minuten später kommt eine Wattsapp – Nachricht. Florian schreibt, dass er wieder am Computer sitzt und mich verfolgt. Also rufe ich ihn an und berichte von meinem Leid und vom Entschluss notfalls die ganze Nacht durchzuwandern. Er bestätigt mich darin. „Du hast eine super Zeit, liegst gut im Rennen, sieh zu, dass du ins Ziel kommst, du wirst sehen, dass das ein ganz besonderes Erlebnis für dich wird. Und wenn du kannst, dann laufe. Je länger du wanderst, um so schwerer wird das Laufen“. Mich rührt es, dass selbst er mich über Internet verfolgt, ich bedanke mich und sage ihm, dass er sein Handy ausschalten soll, wenn er ins Bett geht, da ich auch ihm ein „Nachherfoto“ schicken werde. Er lacht und wir legen auf. In diesem Moment hätte ich ihn knutschen können. 

Zwei Senioren kommen mir entgegen. „Wie kann man nur einfach so durch die Landschaft laufen immer weiter und immer weiter, das ist doch verrückt“ schimpft er in aggressiver Stimme zu seiner Frau. „Wärst du auch mal gelaufen, dann wärst du nicht so motzig aggressiv“ denke ich mir. Zugleich muss ihm in Sachen „verrückt“ recht geben.

weiter

Am Ende von Potsdam kommt der Königsweg. Auf den Boden haben die Streckenmarkierer gesprüht: „Ab hier 7 Kilometer keine Markierung, ab hier Weg 7 Kilometer weiter“. Ich probiere zu laufen und siehe da es klappt. Weil der Königsweg sehr wellig ist, kommen einige Steigungen die ich gehe, aber so gut wie alles laufe ich. Mit der Ernährung ist es eine Gradwanderung. Ich kann Limonade schon trinken, aber nicht bei zu langen Läufen. Also trinke ich bei jedem Verpflegungsstand etwas Grapfruitlimonade und trinke danach zu Verdünnung viel Wasser. Ab und an wird mir leicht übel, dann trinke ich einige Zeit weniger Limo und mehr Wasser. Dann bekomme ich wieder Hunger, dann trinke ich mehr Limonade. Ich beschäftige mich nicht mehr mit dem Kohlenhydratpulver sondern versuche zu finishen und lasse mich von den Umständen verhältnismäßig wenig ablenken.

nächste Panne

Aus dem Wald geht es auf den Fußgängerweg einer Straße. Genau auf der anderen Seite verschwindet ein Läufer. Die Straße führt zu einem Rondell. „Aha, führt der Weg ums Rondell“ denke ich mir. Aber es geht nach dem Rondell in eine andere Richtung weiter. Auf der anderen Straßenseite laufen viele Läufer zurück. „Das ist aber doof, denke ich mir, da hätten die aber auch kreativer bei der Streckenführung sein können“. Dann geht es links in einen Feldweg in eine Sporthalle, ein weiterer Verpflegungsstand. Das ist die Halle von Teltow, Kilometer 102. Ich bin nun so weit gelaufen wie noch nie in meinem Leben. Das Rennen ist aber noch nicht gelaufen. In meinem jetzigen Zustand sind 60 noch zu laufende Kilometer eine riesige Herausforderung. „Komm heil zu Kilometer 120, mogele dich dann zu Kilometer 140 durch und kämpfe dich dann bis ins Ziel“ sage ich mir immer wieder als Mantra. Die ganze Zeit sehe ich mich in Dunkelheit ins Ziel laufen. In Teltow gibt es Liegematten zum Ausruhen. Natürlich meide ich sie. Ich trinke und laufe weiter, keine Zeit verlieren. Die Aufenthaltszeiten werden erfahrungsgemäß mit dem weiteren Rennverlauf immer länger, da kann man viel Zeit verlieren. Deswegen immer möglichst schnell weiter.

Wieder geht es durch den Wald. Gehen und Laufen wechseln sich ab, ich laufe aber mehr als ich gehe. Bei Kilometer 112 kommt die dritte Dropbagzone. „Wenn die auch dort deinen Beutel nicht finden, musst du das Rennen aufgeben“, denke ich mir. Während Kilometer 112 unaufhaltsam näher rückt, steigt meine Nervosität. Die Verpflegungsstation bei Kilometer 112 kommt, keine Dropbags. Ich wundere mich und frage nach, keiner weiß eine Antwort. Anscheinend habe ich mich vertan. Also weiter zur nächsten bei Kilometer 120. Mein Handy klingelt. Simone. „Seit Kilometer 102 kommt im Internet nichts mehr von dir. Geht’s dir gut?“ „Ja“ sage ich und berichte kurz. Dann verabschieden wir uns.

Es geht durch ein Wohngebiet, dann durch eine wunderschöne Baum – Buschlandschaft aber auch an Autobahnen und Schnellstraßen entlang. Einige Ampeln haben 10 Sekunden grün und 3 Minuten rot – Phasen. Ich laufe und gehe. Eine Läuferin deren Alter ich auf Mitte – Ende 50 schätze läuft schon die ganze Zeit mit mir in einem wunderbar konstant langsamen Tempo aber mit einem enorm sauberen Laufstiel. Ich wundere mich, wie sauber sie noch laufen kann. Kurz vor Kilometer 120 eröffnet sie mir, dass sie Staffelläuferin ist und bei der nächsten Verpflegungsstation aufhört. 

Dropbag 3 

Die Verpflegungsstation kommt – wieder keine Drop Bags. Ich frage nach. Einer der Volunteers am Stand sieht nach und sagt mir, dass die letzte Dropbagstation in Teltow also bei Kilometer 102 war. Auch jetzt kann ich rückblickend nicht verstehen wie ruhig ich blieb. Ich sage „wir haben 20 Uhr, ab 21 Uhr sind Stirnlampe und Warnweste Pflicht, das wars dann wohl mit meinem Rennen“: Er sagt „Moment, warte mal“ und geht weg. Ich setze mich auf eine Bank und rede mit einem Staffelläufer. Der Volunteer kommt wieder, „warte Cornelius, das kriegen wir schon hin“ und verschwindet. Gefühlte 5 Minuten sitze ich, bin innerlich und äußerlich vollkommen ruhig. Der Volunteer kommt wieder mit jemand anderem. „Ich habe eine Lampe für dich“ sagte der Volunteer. „Aber es ist nur eine Brustlampe“ sagt der andere. „Wann kommst du ins Ziel?“ fragt er. „Ich bin tot, das kann dauern, ich denke es wird 2 Uhr“ sage ich. Wir verabreden, dass ich ihm seine Lampe auf dem Postweg schicke. Da ich mich außer Lage sehe, seine Adresse in mein Handy zu tippen erledigt er dies für mich. Er ist Radbegleiter eines anderen, schnelleren englisch sprechenden Einzelläufers. „Ich brauche aber auch eine Warnweste“ sage ich. „Moment“ sagt er, rennt weg und kommt 1 Minute später mit einer orangenen aus seinem Auto. „Gib sie im Ziel ab und sage dass sie von Mike von der Verpflegungsstation bei Kilometer 120 ist“. „Mike Tausend Dank, du hast mir den Ar… gerettet, du bist ein Schatz“, dann laufe ich beglückt weiter.

Auf den folgenden Kilometern treffe ich ständig meinen Retter, der mir die Brustlampe gegeben hatte. Der Läufer, den er begleitet, schwächelt, ich kann größtenteils laufen. „Du kommst ja wohl erheblich früher als 2 Uhr ins Ziel“ sagt der Radbegleiter. „Das hoffe ich“ antworte ich. Ich nehme wahr, wie sowohl die Prozessorleistung als auch der Arbeitsspeicher in meinem Kopf abnehmen. Mein Kopf verwandelt sich allmählich von einem Hochleistungscomputer in einen alten „Commodore 64“ (ein Computer der allerersten Generation). Immer wieder bemerke ich „moment, da ist etwas“. Dann überprüfe ich was da ist.  „Jemand hat etwas gesagt“. Dann überprüfe ich, ob ich gemeint bin, wenn ja, versuche ich dem Gesagten einen Sinn zu geben. Wenn das klappt antworte ich, wenn nicht, frage ich nach. Dieser Vorgang dauert von Kilometer zu Kilometer länger.

Berlin

Es dämmert. Wir erreichen die Außenbezirke von Berlin. Nach einer großen Brücke geht es neben eine Autobahn. Dieser folgen wir für die nächsten Kilometer. Wieder treffe ich den Läufer mit dem Radbegleiter, dessen Brustlampe ich habe. Weil die Brustlampe an der Brust hängt, schwank durch meine Laufbewegungen der Lichtkegel, als wäre er völlig betrunken. Stört mich ungemein, ist aber Pech. Ich gehe, der andere Läufer auch. „What are we doing here?“ fragt der Läufer seinen Begleiter. „A craziness“ antwortet der Radbegleiter. „No, it´s an absolutely motherfucking craziness” antworte ich. Wir alle lachen, dann geht es weiter. Ich gehe, die anderen auch, ich bin aber etwas schneller. „Wow you have a fast walking pace“ sagt der andere Läufer, allerdings beginnt er schneller als ich los zu laufen, weg ist er, ich sehe ihn nicht mehr.

Gesichter

Seitlich am Rande des Weges sind immer wieder Gebüsche. In den Gebüschen gibt es Aussparungen. In einer der Aussparungen sehe ich plötzlich eine hässliche Fratze. Erstaunt blicke ich nach rechts und sehe sie nicht mehr. Lange musste ich überlegen, woher ich diese Fratze kannte. Erst am nächsten Tag fiel bei mir der Groschen: Es gibt einen James Bond Film mit Roger Moore in dem Vodoo vorkommt, ich weiß nicht mehr wie er heißt. Und mehrmals kommen in diesem Film lebensgroße Puppen vor mit hässliche  Fratzen als Gesicht. Und genau diese sehe ich plötzlich. Ich wundere mich, gebe dem keine Bedeutung und wandere weiter. Immer wieder versuche ich zu laufen, das klappt aber fast nicht mehr, ein paar Hundert Meter, dann wandere ich wieder. Die Autobahn endet. Es geht in Richtung Innenstadt. Mike hatte mich schon von der Säufermeile in Kreuzberg gewarnt. Zuerst kommt ein schöner Park. Bei Kilometer 95 hatte ich einen sehr langsam gehenden sehr jungen Läufer mit gebücktem Kopf überholt und ihm Mut zugesprochen. Ich hatte gesagt „hey bleib am Ball, selbst wenn du ab jetzt nur noch wanderst kommst du rechtzeitig ans Ziel“. Ich treffe ihn wieder und wir laufen zusammen. Weil wir uns schon mehrmals begegnet sind bei diesem Lauf und wir auch jetzt schon wieder ein paar Kilometer zusammen. Ich zitiere ich ihm ein Filmzitat aus dem Film „der Gladiator“: „If we stay and fight together, we will survive“. Nach einiger Zeit läuft er alleine weiter.

Die Fratzen an Gebüschaussparungen und Hauseingängen werden häufiger. Ich gebe ihnen keine Beachtung, will einfach nur finishen. Wir sind in einem Wohngebiet für sozial Schwache. Es geht in einen Park. Dieser ist voll von feiernden, betrunkenen Menschen. In der Luft liegt ein starker süßlicher Geruch von Cannabis. Zwei Kiffer spreizen Zeige- und Mittelfinger bei ausgestreckter Hand, das „Peace-Zeichen“ der Kiffer. Dann geht es eine Straße an der Mauer entlang. Der Fußgängerweg ist voll von feiernden Leuten um die ich herumlaufen muss. Auch ist es extrem schwer die Pfeile der Wegmarkierung zu finden. Das ist kein Vorwurf an die Organisatoren. Diese haben in Sachen Wegmarkierung und auch in Allem sonst ganz hervorragende Arbeit geleistet. Nur war die Navigierung durch die vielen Leute und meine zunehmende Müdigkeit so schwer. Weiter geht es via Potsdamer Platz, Checkpoint Charly an allen historischen Plätzen der Mauer vorbei. Zwei Polizisten an der Britischen Botschaft applaudieren. Meine Uhr gibt ihren Geist auf. Die vorletzte Verpflegungsstation ist von Vietmanesinnen bewirtschaftet. Sie strahlen mich stolz an und versorgen mich. Es macht auf mich den Eindruck als seien sie richtig stolz uns Läufer versorgen zu dürfen. Toll. Wie immer bedanke ich mich und laufe weiter. Jetzt am Bundestag vorbei, dann durch Straßen zur letzten Verpflegungsstation. Ich lasse meine Flasche halb mit Wasser und halb mit Grapfruitlimonade füllen. „Jetzt hast du noch 5 Kilometer, genieße sie“ sagen mir die Frauen vom Stand. Sie blicken mich liebevoll an als wissen sie was es bedeutet 162 Kilometer zu laufen. „Ne, fürs genießen bin ich zu tot“ sage ich. „Dann geniße den Zieleinlauf“ sagen sie, „mache ich“. Selbst das Wandern fällt mir immer schwerer. Die ganze Straße ist eine Allee. Unter den Bäumen klebt der Boden. Bei jedem Schritt gibt es ein komisches „Plopp-Geräusch“. Die Fratzen werden häufiger, ich beachte sie nicht, nur weiter, immer weiter bis ins Ziel.

Obwohl ich als Kinderpsychotherapeut vom Fach bin, habe ich während des Rennes nicht kapiert, dass ich halluziniere. Ich bin aber absolut richtig damit umgegangen, ich nahm die Fratzen als gegeben hin, gab ihnen keine Bedeutung und beachtete sie nicht. Ich war absolut aufs Finishen fokussiert. Im Nachhinein läuft ein Schauer den Rücken hinunter, wenn ich daran denke. 

Ziel

Schon fertig geduschte Staffelläufer stehen an der Straße feuern mich an und bejubeln mich. „Ist es noch weit?“ frage ich, „neh, das Tor ist dort vorne“. Ich rufe Simone an „das Tor kommt jetzt, ich habe eine orangene Warnweste an und eine Brustlampe, keine Stirnlampe und meine typisch hellblauen Socken. Dann geht es durch das Tor am Station vorbei zum Eingang des Ludwig-Jahn-Sportparks.

Und dann ist es soweit: Schritt für Schritt tripple ich wieder in den Ludwig-Jahn-Sportpark hinein, laufe die Ehrenrunde zum Ziel. Obwohl dunkle, späte Nacht sind sowohl am Eingang des Sportparks als auch im Ziel viele Menschen und applaudieren. Ich nehme alle Kraft zusammen um die Ehrenrunde zu laufen und nicht zu gehen. Erschöpft und überglücklich laufe ich über die Ziellinie direkt zu einer Bank, plumpse auf sie und bleibe erstmal sitzen und lassen alles wirken. Ich bin eine super Zeit gelaufen, nah dran an der erträumten.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen im Ziel durch die Internetkamera Simone zu grüßen, aber das schaffe ich nicht mehr. Auf der Bank bleibe ich erstmal lange sitzen, telefoniere mit Simone, danke ihr, schieße das „Nachherfoto“, dass ich Verwandten und Freunden sowie Florian Reus schicke. Er ist tatsächlich aufgeblieben, um sich meinen Zieleinlauf anzusehen, gratuliert mir per Wattsapp, und geht dann ins Bett. „Du musst schleunigst ins Hotel, sonst wirst du krank“ denke ich mir. Also wanke ich wie ein alter Mann zum Fahrzeug, wo der Chip abgeben werden muss, gebe ihn ab und bekomme plötzlich ganz heftigen Zitteranfall, bemerke dass ich völlig durchgefrohren bin. Also ganz schnell Dropbags und Finishershirt holen. Dann schleppe mich ins obere Stockwerk zur Dusche. Der Weg die Treppe hoch erkämpfe ich mir Stufe für Stufe und komme mir wieder mal wie bei einem Ultratrail Lauf vor.

Blasen

In der Umkleide sind zwei andere Läufer. Wir fotografieren unsere Füße und schicken diese Bilder an unsere Frauen. Unter anderem habe ich eine riesige Blutblase. Ich spreize meinen Zeh, damit man die Blase besser sieht, der andere fotografiert sie mit meinem Handy. Dann schicke ich die Bilder ab. „Deine Frau wird erschrecken wenn sie das sieht“ sagt der eine Läufer. „Nein, sie wird sagen „ach Bär das tut mir so leid, deine armen Füße““..Eine Minute später kommt eine Sprachnachricht von Simone. Ich stelle mein Handy auf „laut“ und die exakt gleichen Wörte im exakt gleichen Tonfall wie ich 1 Minute vorher: „Ach Bär, das tut mir leid, deine armen Füße“. Wir müssen alle drei lachen. „Deine Frau hat eine schöne Stimme, das muss eine tolle Frau sein“ sagt der eine Läufer. „Ja“ antworte ich, „ich bin froh dass ich mit ihr verheiratet bin“.

Die Nacht war kurz und heftig. An nächsten Tag hielt Reiner Eppelmann eine bewegende Rede zum Thema Mauer und dann wurden alle Finisher einzeln geehrt. Da die Teilnehmerzahl dieses Jahr von 350 auf 500 Einzelläufer erhöht wurde, hatte die Ehrung für mich dieses Jahr den Charakter einer Massenveranstaltung. Alle Läufer wurden geehrt, wurden wegen der großen Anzahl aber rasch „durchgeschleust. Aber alle sahen wir uns wieder, Udo, Klaus, Mike und all die anderen. Jeder erzählte seine Geschichte und wusste genau, was der andere durchgemacht hatte. Auch wenn wir uns im Rennen nicht oder kaum gesehen haben, hat uns dieses gemeinsame Erlebnis verbunden. Mit Mike, Rüdiger und den jeweiligen sympathischen Frauen, die dieses Jahr ja noch den Spartathlon vor sich haben, wurde der Tag im Biergarten ausgeklingen gelassen. Neben dem Lauf waren die Begegnungen mit den Menschen ungemein bereichernd und wertvoll für mich. Obwohl ich diese Menschen kaum kenne, fühlt es sich an, als wären es alte Freunde, die ich schon ewig kenne.

Mit 19 Stunden und 36 Minuten bin ich von 367 Männern 40. geworden. Stolz macht mich die Tatsache wie ich mit den Widrigkeiten umgegangen bin. Auch wenn ich viel gewandert bin, bin ich so viel gelaufen wie es nur ging. Mehr hätte ich nicht laufen können. Aber ich denke mehr laufen ist trotz aller Erschöpfung möglich. Ich glaube, das ist eine Frage der Erfahrung. Mit zunehmender Erfahrung kann auch ich das lernen. 

Wette

Die Wette mit meinem Sohn habe ich freilich verloren. Zu meiner Entlastung kann ich aber die unzuverlässig funktionierende Uhr ins Feld führen. Ich hatte sie aus Unerfahrenheit auf eine zu oberflächliche Taktung eingestellt, was mein Fehler war, aber dadurch hatte ich schlichtweg keine Chance, die Wette zu gewinnen. Zu aufgeregt bin ich bei einem solchen Wettkampf die ersten Kilometer. Wenn mein Sohn eine Eselsmütze auftreibt, werde ich den nächsten Kandelmarathon mit dieser bestreiten. Wettschulden sind Ehrenschulden. Da meine Frau aber bereits eine Eselsmützenstrickanleitung aus dem Internet gezogen hat, rechne ich mit dem Schlimmsten. Sollte es aus Trainings- oder sonstigen Gründen beim Kandelmarathon nicht klappen, würde ich einen gleichwertigen Marathon heraussuchen. So oder so werde ich dies im Runnerworldforum bekannt geben. Bei meinen bisherigen Kandelmarathonteilnahmen hatte es meistens zwischen 15 und 20 Grad. Noch nie waren die Bedingungen so, dass eine solche Mütze nicht absolut stressig wäre. Das kann also ein „Vergnügen“ werden

Wie´s weiter geht

In meinem Bericht zum Karlsruher Nachtlauf, meinem ersten Ultralauf, hatte ich berichtet, wie ich während einer Verletzungsphase unsicher war, ob ich wieder würde richtig laufen können. Ich hatte erkannt dass ich jetzt Ultralaufen muss. Simone hatte mit „das weiß ich schon lange, endlich kapierst du´s auch“ reagiert. Ich hatte ihr damals aber noch mehr gesagt, was ich in dem Laufbericht nicht geschrieben hatte:  Ich hatte ihr gesagt dass ich in jedem Fall am Mauerweglauf teilnehmen würde und es wohl auch darauf hinauslaufen würde, dass ich am Sparthatlonlauf teilnehme. Auch dazu hatte Simone gesagt „das weiß ich schon lange, endlich kapierst du´s auch“. Nur wusste ich damals nicht und weiß auch heute nicht ob es jemals dazu kommen wird, jedoch ist dies definitiv ein Traum von mir. Wenn ich das Gefühl habe soweit zu sein und es dann familiär passt, werde ich den Sparthatlon laufen, wenn nicht dann nicht. In jedem Fall bin ich diesem Traum nun ein Stück weit näher gekommen. Nur sehe ich es nicht ein mir die Gegenwart durch die Zukunft kaputt machen zu lassen. Meine läuferische Gegenwart finde ich absolut geil, genieße sie ungemein, bin stolz und glücklich, das erleben zu können. Jetzt müssen wir sehen was kommt. Nur weiß ich, dass es jederzeit passieren kann, dass mein Körper  mir signalisiert, dass es reicht. Und dann wird es reichen, dann höre ich auf. Wenn ich aber soweit bin und die Chance besteht. dann…..aber ich warte ab, genieße die Gegenwart, und nehme es wie es kommt.

Dank

Danken möchte ich meiner Familie, die mich immer unterstützt, meine Ultralauferei mitträgt und immer mitfiebert. Um es irgendwie auszuhalten hat Simone während des Wettkampfes alle möglichen Nachbarn, Freunde und Verwandte informiert, um ihre Nervosität irgendwie in Aktivität umzusetzen, meiner Mutter und meinen Schwiegereltern sowie allen Freunden und Nachbarn, die am Computer und per telefonischer Verbindung mit Simone mitgefiebert und die Siegerehrung am Computer mitverfolgt haben. Es hatte richtig gutgetan, während des Laufs zu hören, dass sie alle mitfiebern. Florian Reus für seine Unterstützung und sein Telefoncoaching. Auch möchte ich allen wunderbaren Menschen, die ich beim Mauerweglauf kennenlernen durfte, denen ich mich durch das gemeinsam erlebte inzwischen sehr nah fühle ,danken. Etlichen Volunteers, Mike beispielsweise, der mir sprichwörtlich den Ar… gerettet hat, allen Läufern und deren Frauen, die ich treffen durfte. Die Begegnungen mit Euch haben mich bereichert und diese werde ich in meinem Herzen tragen. Und natürlich dem Radbegleiter, der mich seiner Brustlampe rettete.

Alles geben die Götter die Unendlichen ihren Lieblingen ganz. Die Freuden die Unendlichen, die Leiden die Unendlichen – ihren Lieblingen – ganz (Goethe)

Über Cornelius Knecht

Beruflich arbeite ich mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen. Das Laufen hilft mir den Kopf freizukriegen und neue Energien zu tanken. Ich liebe vor allem die langen, meditativen Läufe durch die Weinberge in der Südpfalz. Als Kind spendierte mir mein Vater immer ein Eis, wenn ich ihn zum Lauftreff begleitete. So kam es, dass ich im Alter von sieben Jahren mal einen 10 km Lauf in 56 Minuten absolvierte.
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2 Kommentare zu Freundschaft und Zusammenhalt – Mauerweglauf 2019

  1. Reiner Marske sagt:

    Lieber Cornelius,

    herzlichen Dank für Deinen tollen Report, der mir so sehr bekannt vorkommt. Ich bin Finisher in rd. 28 Stunden, kann alles so oder so ähnlich nur bestätigen. 

    Das gilt auch für die Unterstützung von Familie über Freunde bis zu den Volonteers. Und bei der Aufzählung fällt mir bei der Gelegenheit besonders eine Frau namens Christa ein.

    Christa, eine Physiotherapeutin aus München (nur wegen des Mauerweglaufes trotz eines gehandicapten linken Armes nach Berlin gekommen!) hat mir das Finishen ermöglicht. Um etwa 23.00 Uhr bei km 102 in der Sporthalle Teltow stand ich vor dem Aufgeben, weil meine Oberschenkel übersäuert waren. 

    Plötzlich sah ich diese wunderbare Fee wie sie vor mir jemanden massiert. 

    Christa, selbst erfahrene mehrmalige und internationale Ultraläuferin, war das Nonplusultra. Sie massierte mich so gekonnt, dass ich anschließend wieder laufen konnte. Als sie mich wegen des nur noch 30 Minuten entfernten „Besens“ zum Aufbruch drängte, sagte sie mir noch, dass wir uns in der Johannisthaler Chaussee bei km 136 wiedersehen, wo sie mich das zweite Mal massiert. So unglaublich es erschien, so zutreffend war es auch als sie mich dann am Sonntag um 10.00 Uhr mit meiner Familie am Ziel empfang.

    Vielleicht steht Christa für viele Unterstützer, aber für mich war sie eine ganz Besondere, nämlich ein Engel auf Erden.

    Reiner Marske

    • Cornelius Knecht sagt:

      Lieber Reiner
      Danke für deinen Kommentar. Dieser Lauf hat scheinbar mit uns Allen etwas gemacht, uns berührt und verändert.
      Alles Gute dir und vielleicht bis nächstes Jahr oder irgendwo anders..
      Liebe Grüße
      Cornelius

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