Trainingslauf – Eifelultramarathon 51 km 1000 HM

Noch vor 2 – 3 Jahren lief ich ausschließlich Marathon, hatte es noch nötig in 2 Marathons pro Jahr meine Bestzeit zu jagen. Als ich dann von Ultraläufern hörte, die an vielen Wochenenden an Marathon- oder gar Ultrawettkämpfen zu Trainingszwecken teilnahmen und dabei auch noch kaum langsamer waren als ich, war ich erstaunt. Obwohl ich nicht wenig trainierte, konnte ich mir nicht vorstellen, wie man an so vielen Wettbewerben teilnehmen kann, und so viel laufen kann. Das lag absolut außerhalb meiner Vorstellung, faszinierte mich aber zugleich. Für mich hatten diese Ultraläufer damals, das gebe ich hiermit zu, einen „ordentlichen Sprung in der Schüssel“. Meine 83 jährige Mutter eröffnete mir übrigens kürzlich, dass es ihr peinlich sei, ihren Freundinnen und Schwestern von meiner Lauferei zu berichten, da diese das absolut nicht verstünden und mich für verrückt erklärten oder als laufsüchtig. Kann ich absolut verstehen.

Inzwischen kam es anders. Obwohl bei der Marathonbestzeitenjagd das Ende der Fahnenstange bei weitem nicht erreicht war, wurde mir klar, dass ich jetzt und nicht erst später Ultralaufen will und muss. Natürlich gab und gibt es in mir auch einen Anteil, der den versäumten Marathonbestzeiten nachtrauert, aber wat mut dat mut.

Mitte August steht der Mauerweglauf an, der mit 161 Kilometern der längste Lauf meines bisherigen Lebens werden wird. In der Vorbereitung nehmen die Langen Läufe einen entsprechenden Stellenwert ein. So sehr ich diese Lalas liebe, das lange eher langsame durch die südpfälzer Weinberge laufen, so schwierig finde ich die Organisation der Ernährung. Gerade wenn es wärmer ist brauche ich viel zu trinken. Und ich laufe nicht so gerne kleinere Runden zu meinem Auto, in dem ich dann Trinken lagerte, auch laufe ich ungern nach 30 Kilometern nach Hause um Wasser nachzutanken und dann wieder loszulaufen. So kam die Idee meine Lalas auf Wettkämpfe zu verlegen. Also habe ich „die Fronten gewechselt“, gehöre jetzt also selber zu denen mit ordentlichem „Sprung in der Schüssel“.

Eigentlich wollte ich den Eifelultralauf mit meiner Familie als ein schönes Wochenende in der Eifel verbringen, aber ein Auftritt meines Ensembles machte einen Strich durch die Rechnung. Ich spiele Cello in einem Ensemble, in dem wir eigene Musik mit krummen Rhythmen spielen, und Samstag Abend traten wir auf. Also fuhr ich Sonntag Morgen alleine in die Eifel nach Waxweiler.

In der Nacht hat es geregnet, zum Start ist es sonnig warm, aber nicht heiß, etwa 20 Grad. Vor dem Start sitze ich in der Halle, trinke noch einen Kaffee. Ich habe 2 Gels und einen Fotoapparat dabei. Man sieht die üblichen verdächtigen Ultraläufer, aber auch einige Neulinge. Diese erkennt man an ihrer überbordenden übertriebenen, absolut neuen Ausrüstung. Sie haben trotz der alle 3 – 5 Kilometer vorhandenen Verpflegungsstationen einen Trinkrucksack bei sich.

Für den Wettkampf habe ich mir vorgenommen langsam zu laufen und möglichst wenig zu gehen. In dieser Woche habe ich bereits 75 Trainingskilometer auf dem Buckel, habe nicht getapert, in der Praxis (Beruf) viel gearbeitet und eher wenig geschlafen. Ich möchte möglichst konstant, nicht am Limit laufen und mehr als 5 Stunden brauchen.

Ich stelle mich am Startblock etwa in die Mitte des Feldes, da die schnellen Marathonläufer einfach schneller sind als ich, und unterhalte mich mit anderen Läufern. Ohne großes Theater wird von 10 heruntergezählt und dann geht es los. Nach dem Start geht es erst etwa 2 Kilometer eine Straße entlang zu einem Wendepunkt und wieder zurück nach Waxweiler, aber auch schon da leicht hügelich. Auf den ersten Kilometern muss ich mich stark einbremsen und muss an die laufende Wette denken, die ich mit meinem Sohn habe: Sollte ich beim Mauerweglauf in den ersten 120 Kilometern mehr wie 2 Kilometer schneller als 6 Minuten pro Kilometer laufen (Ausnahme abschüssiges Gelände), so verpflichte ich mich, den nächsten Kandelmarathon mit Eselsmütze zu laufen. Meine Frau hat auch schon eine Strickanleitung für Eselsmützen aus dem Internet gezogen. Da sie unserem Sohn eine wunderschöne Monstermütze gestrickt hat, traue ich ihr auch diese „Abscheulichkeit“ zu. Ein Tempo schneller wie 6 Min/km wären in Berlin Harakiri, deswegen wird mir das dort wohl gelingen, denke ich. Aber auf den ersten Kilometern wird es schwer. In der Zeit, die ich nach dem Start brauche um die Wettkampfnervosität abzulegen ist das Risiko diese Wette zu verlieren am höchsten. Hier beim Eifelultralauf hätte ich auf den ersten Kilometern die Wette bereits verloren. Erst nach 2 – 3 Kilometern bin ich im Wettkampf angekommen und laufe ruhig, gleichmäßig in angemessenem Tempo.

Mir fällt ein Marathonläufer mit angeleintem Hund auf, diesen Wettkampf wollen sie also gemeinsam bestreiten. Finde ich gut, dass das bei manchen Wettkämpfen geht. Sehe ich kein Problem dabei, wenn die Hunde gut erzogen sind. Da dieser Hund an seinem Herrchen angeleint ist, dürfte das wohl kein Problem sein.

Zurück in Waxweiler geht es stärker hügelig weiter. Auf einer kleinen gesperrten Straße kommen weitere vorerst noch kürzere Steigungen. Ich nehme für diese Tempo heraus und tripple sie langsam herauf. Von der Straße weg geht es auf einen Wiesenweg. Vom nächtlichen Regen ist diese etwas aufgeweicht aber gut laufbar. Ich habe meine Straßenlaufschuhe an (Salming Lite) und komme mit diesen gut zurecht. Über eine niedliche Brücke geht es in den Wald. Alle Bäume und Wiesen sind saftig grün, man hört ständig Vögel zwitschern, die Aussicht ist einfach toll, grüne, üppige Weite. Aus dem Wald geht es auf eine Wiese wieder auf eine Straße und auf dieser kurz und steil bergauf.

Auf dem Boden sind jeweils Pfeile mit „Hinweg“ und „Rückweg“ gezeichnet. Diesen Teil der Strecke werden wir also zurücklaufen. Da die Landschaft so wunderschön ist, macht es mir nichts aus, diese 2 Mal zu sehen. Mal wieder geht es hoch in ein Dorf und von dort aus weiter hoch in den Wald und im Wald wieder herunter. Ich fühle mich gut, die Beine sind leicht, ich kann mich aber nicht treiben lassen, muss aber ständig in mich herein spüren und mein Tempo immer wieder der Strecke anpassen. Wenn es bergab geht werde ich automatisch schneller und behalte dieses Tempo auf der Ebene, bemerke dann, dass ich bei der nächsten Steigung zu heftig atmen muss, und verringere dann wieder mein Tempo. Der Wald ist kühl, üppig grün. Nach einer Kurve kommt eine längere und steilere Steigung bei er außer mir alle Läufer gehen, ich tripple in kleinen Schritten hinauf. Im Training versuche ich Steigungen zu laufen aus Trainingszwecken, bei Wettkämpfen gehe ich wo es sinnvoll ist. Dieser Wettkampf zählt für mich aber als Training, also laufe ich. Oben angekommen geht es genauso steil und lang wieder herunter. Ein bißchen grauht mir vor dem Rückweg, weil ich weiß, dass ich diese Bergabpassagen mich werde hochquälen müssen. An manchen Stellen ist der Boden sehr weich vom Regen, aber es geht, meine Füße finden immer einen guten Tritt.

Alle 3 bis 5 Kilometer gibt es Getränkestationen mit so ziemlich Allem, was das Läuferherz begehrt. Immer stehen genug nachgefüllte Becher bereit und die Helfer sind sehr freundlich engagiert. Ich trinke Wasser, bedanke mich und laufe weiter. Die zweite „Rampe“ kommt, eine längere, steilere, schwerer zu laufende Steigung und Senkung. Wegen matschigem Untergrund muss man hier mehr aufpassen nicht hinzufallen, geht aber. Der Weg ist eng, überholen kann man nicht, ist aber nicht schlimm, so ruhe ich etwas aus und bleibe für einige Zeit hinter den langsameren Läufern. Als der Weg breiter und ebener wird, überhole ich und laufe meinen Stiefel. Weiterhin besteht die Strecke aus Wiesen, Wäldern und Vogelgezwitscher in allen Variationen.

Irgendwann demnächst werden uns die Halbmarathonis entgegen kommen, da der Halbmarathon etwa auf halber Strecke im Schloss Hamm gestartet wird. Und auf einem matschigen engen Weg ist es soweit. Die Führenden Halbmarathonis rennen uns entgegen. Es ist eng für uns, geht aber irgendwie, Alle machen etwas Platz und so kommt man aneinander vorbei. Zu meinem Erstaunen haben nicht wenige Halbmarathonis einen Trinkrucksack. Kann ich nicht verstehen, so viele Getränkestationen wie es gibt. „Cornelius das sind Laufanfänger, die wissen es noch nicht besser“, sagte mir Laufkumpel Herman ein paar Tage später bei einer unserer zahlreichen gemeinsamen 40 Kilometerrunden.

Allmählich kann man die Stimme eines Sprechers hören, Schloss Hamm ist also nicht mehr weit. Dortwurde der Halbmarathon gestartet. Für einige Kilometer geht es dann die Strecke der Halbmarathonis entlang, bis eine Abzweigung für die Ultras kommt. Schloss Hamm sieht majestätisch aus. Man läuft durch ein großes Tor herein. Im Schlosshof steht ein Sprecher mit Mikrophon. Ihm scheint langweilig zu sein, jedenfalls kommentiert er jeden Läufer und so ziemlich jedes Detail. Im Schlosshof gibt es zudem eine Getränkestation und eine Gruppe von Dudelsackspielern, die gerade Pause machen (Uff, Glück gehabt). Auf der anderen Seite des Schlosshofes geht es wieder heraus. Ich bin noch nie bei einem Wettkampf durch ein solches Schloss gelaufen, ist eine Premiere. Es geht einen Weg hinunter zu einer Straße und dann diese entlang über eine Brücke durch ein Dorf. Bald wird die „Ultraabzweigung“ kommen, dort muss eine heftige, steile, lange „Rampe“ kommen. Ich nehme ein Gel zu mir. Es ist von der gleichen Firma wie meine Flüssigkohlenhydrate. Es geht direkt durch den Magen in den Darm, deswegen wird mir davon nicht übel, aber auch bei diesem Gel merke ich, dass ich es nicht auf Dauer nehmen darf. Ich muss mir also beim Mauerweglauf die Flüssigkohlenhydrate auf der Strecke mixen. Mein Bauch ist aber gefüllt. Der Weg geht von der Straße weg und, wie soll es anders sein, bergauf. Nach einiger Zeit kommt ein See und man läuft am See entlang in einem schattigen Wald. Es hat 22 Grad, Sonne, also nach wie vor idelales Laufwetter. Nachdem der See halb umrundet ist kommt die Ultraabzweigung. Die übrigen Läufer umrunden den See ganz. Die Ultras biegen rechts ab auf eine Zusatzrunde über einen Parkplatz einen asphaltierten Weg entlang in Richtung hügeligen Wald. Am Waldrand biegt ein Weg von rechts in den Hauptweg. Auf dem Boden ist ein Pfeil zurück mit „Rückweg“ und ein zweiter Pfeil in meine Richtung mit „Hinweg“ zu sehen. Die Streckenmarkierung ist bei diesem Lauf vorbildlich. Und nun kommt sie die Rampe. Es geht lange steil bergauf. Die erste Hälfte laufe ich, den Rest gehe ich. Ich möchte mich nicht völlig verausgaben bei diesem Lauf. Deswegen gehe ich. Etwa befinde ich mich jettzt bei Kilometer 27. Sobald die Steigung etwas nachlässt tripple ich wieder los. Für einige Kilometer geht es jetzt immer wieder bergauf. Am Höhepunkt bevor es bei der „Ultrazusatzrunde“ wieder herunter geht wird der Weg stark vermatscht morastig. Zum Glück nur für 20 bis 30 Meter. Bei jedem Schritt lösen sich meine Füße nur schwerfällig und zudem mit einem lauten „Blubb“ vom Boden. Meine Füße bleiben aber trocken. Jetzt geht es bergab. Die nächste Getränkestation fotografiere ich. „Dir scheint es ja noch gut zu gehen, wenn du sogar Zeit für Fotos hast“ sagt einer der beiden Standwärter. „Ja, ich bin nicht am absoluten Limit“ antworte ich, trinke Wasser und laufe weiter.

Vor mir läuft ein nach vorne gebeugter Läufer mit platschnassem Oberkörper. Einige Zeit laufen wir zusammen, bis ich ihn überhole. Meine Beine werden schwerer, ich bin nicht am Limit, aber wohl etwas zu nah dran. Egal, Tempo herausnehmen und weiter, die Ultrazusatzrunde beenden und dann zurück. Das stetige Bergab läuft sich alles Andere als angenehm. Ist halt so. Irgendwann kommen wir wieder zum Hauptweg, diesmal folge ich dem „Rückweg – Pfeil“. Zurück geht es durch Wiesen zum Parkplatz, über eine Straße, bei der von Helfern die Autos für die Läufer angehalten werden zur gemeinsamen Strecke der (Halb) Marathons. Es geht am See entlang nur auf der anderen Seite. Meine Oberschenkel schmerzen etwas, macht aber nichts, laufen geht noch gut und ist auch kein Vergleich zu den Schmerzen, die ich beim WHEW vor ich glaube 5 Wochen hatte. Ich überhole zunehmend mehr Läufer. Da ich 100 Kilometer gewöhnt bin, bin ich zwar müde, aber längst nicht so müde, wie die anderen Läufer, deren Limit 51 Kilometer sind. Auf der Terrasse eines Hotels, das direkt am See liegt, sitzen Besucher, trinken, essen und sehen schweigend den Läufern zu.

Nach Beendigung der Seeumrundung geht es wieder die Straße und dann den Waldwegentlang wie beim Hinweg. Wir durchqueren wieder den Schlosshof von Schloss Hamm. Ich trinke Wasser, der Sprecher kommentiert dies, ist mir doch egal, so am Limit bin ich nicht, dass mich das nervt, und weiter.

Am Ende des nächsten Dorfes höre ich lautes Gebell. An einem Getränkestand ist der Marathonläufer mit seinem angeleinten Hund. Dieser bellt einen am Getränkestand liegenden Hund an. Der Läufer zieht ihn weiter. Ich trinke, verschnaufe kurz und laufe weiter. Will den Läufer mit Hund überholen. Im Moment des Überholen passiert es: Der Hund sieht mich, springt mich an und ich spüre seine Zähne in meiner linken Hand. Ich lasse einen lauten Brüller los. Zur gleichen Zeit zieht das Herrchen seinen Hund zurück und ich laufe weiter. Beim Training in den heimischen Weinbergen gibt es immer wieder kleine Hunde, die, sobald ich vorrüber gelaufen bin, plötzlich laut bellend auf mich zu rennen. Ich habe mir angewöhnt in diesen Fällen die Arme hoch zu heben und mit einem lauten „roar“ auf Herrchen oder Frauchen und Hund zuzurennen. Immer bremst der Hund, guckt verwirrt, stoppt und rennt zurück in den Schutz von Frauchen oder Herrchen. Auch diese sind verwirrt und erschrecken. Sollen sie auch, hätten sie mal ihren Hund besser erzogen….

Ein paar Meter weiter ist eine Läuferin. Beim Überholen grüße ich sie. „Der hat schon vorhin Ärger gemacht“ sagt sie in Bezug auf dem Hund. „Ja aber das darf nicht passieren“ antworte ich. „Entweder ist der Hund gut erzogen oder er darf hier nicht mitlaufen“. Ich laufe weiter. Mein Puls ist von 145 auf 175 gestiegen. Ich bin wütend und schimpfe innerlich vor mich hin, denke mir aber dann „nichts passiert, jetzt bist du wach, weiter ärgern bringt nix, genieß des Lauf“, auch wieder wahr, also lasse ich los und laufe in dieser spektakulären Landschaft weiter, genieße sie.

Über die Brücke geht es wieder in den Wald. Auf den nächsten Kilometern kommen weitere „Rampen“. Auf dem Hinweg konnte ich die Passagen nur in kleinen Trippelschritten heruntertrippeln, sie waren zudem ziemlich lang. Ein Mountainbikefahrer überholt mich, er hat ein Organisationsshirt an, gehört also zum Lauf. „Vielleicht überhole ich ihn bei der nächsten Rampe“ denke ich mir spaßhalber. Und tatsächlich: Schwerfällig schiebt er sein schweres Mountainbike hinauf. Ich gehe zügig hinauf und überhole ihn kurzzeitig. Genauso steil geht es auf der anderen Seite hinunter, weiter, wieder hinauf und hinunter. An der nächsten Getränkestation entdecke ich im Hintergrund einen Luxusgasgrill, Fleisch liegt gerade auf der heißen Flamme. „So vertreiben die sich also die Zeit“ denke ich mir und schmunzle in mich hinein. Ich werde zunehmend müder, überhole aber nach wie vor einige Läufer, einfach weil diese noch müder sind als ich. Es geht auf dem Wald heraus, durch ein Dorf die Straße entlag hoch und runter. Es kommt die Abweigung, an der die Läufer auf dem Hinweg herkamen, die letzten paar Kilometer geht es an der Straße weiter. Der Mountainbikefahrer sitzt am Straßenrand, grüßt mich und sagt „jetzt kommt nur noch eine große Steigung“. Ich bedanke mich und laufe weiter. Eine Bergziege werde ich in diesem Leben nicht mehr. Obwohl ich zu Hause in der Südpfalz landschaftsbedingt pro 10 Kilometern Strecke etwa 100 Höhenmeter mitnehmen muss, fällt mir nach wie vor ab einem bestimmten Müdigkeitsgrad jede Steigung ungeheuer schwer.

Auf den nächsten 1,5 Kilometern sehe ich einige Läufer vor mir diese letzte Steigung hochgehen. „Die holst du nicht mehr ein“ denke ich mir, „die sind zu weit weg“, laufe aber den größten Teil dieser hinauf. Am höchsten Punkt sieht man weit unten Waxweiler, ich beschleunige bergab und hole die Läufer nach und nach ein, grüße sie, und laufe weiter. Der „Zielsprecher“ wird immer lauter. Ich erreiche Waxweiler, komme nach eingen Kurven auf die Zielgerade und lege sogar noch einen Endspurt hin, habe ich schon sehr lange nicht mehr machen können. Dann laufe ich über die Ziellinie und berichte den Helfern vom Hundeangriff. Von 77 männlichen Startern werde ich mit 5:03:42 Minuten Gesammt – 20.

Der Eifelultramarathon ist ein wunderschöner, toll organisierter Landschaftslauf. Durch das sofortige ständige hoch und runter ist er läuferisch anspruchsvoll. Sämtliche Helfer sind engagiert, es gibt zahlreiche, gut bestückte Getränkestände, etwa alle 3 – 5 Kilometer, für den Hundangriff können die Organisatoren nichts. Wenn es passt, nehme ich an diesem Lauf gerne wieder teil.

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Beim ersten Mal da tuts noch weh…beim zweiten Mal auch… – WHEW 100


Mental ist der bevorstehende WEHW 100 – Kilometerlauf Nebensache. Mental bin ich längst beim Mauerweglauf Mitte August in Berlin, der mit 161 Kilometern der längste Lauf meines bisherigen Lebens sein wird und das, obwohl ich erst seit 11 Monaten Ultra laufe. Das ist gefährlich, 100 Kilometer läuft man nicht nebenbei, ich zumindest nicht. 

Geplant war bei Sonnenschein optimal vorbereitet an den Start zu gehen, konstant und entspannt bis zum Ziel zu laufen und dabei möglichst viel vom Lauf zu genießen, da dieser Lauf durch wunderschöne Landschaften geht. Aber natürlich kam alles anders. Schon im Herbsturlaub in der türkischen Sonne bekam ich in der rechten Ferse eine Schleimbeutelentzündung. Am Strand bin ich mit Barfußschuhen gegangen! Das brachte mir eine Laufpause von 4 – 6 Woche ein. Im Februar tat wieder genau die gleiche Stelle weh, es fühlte sich genau wieder wie eine Schleimbeutelentzündung an. Jedoch war es etwas anderes, eine Art Wulst in der Haut, dennoch 2 Wochen Laufpause. So fehlten mir zum WHEW etwa 4 – 6 Wochen, vor allem fehlten mir Lange Läufe. Dazu war in den ersten Monaten des Jahres die Praxis (Arbeit) so stressig, dass ich vor lauter Stress und Erschöpfung manche Laufeinheiten nicht so durchziehen konnte, wie ich es wollte. Auf der anderen Seite lief der letzte Lange Lauf 14 Tage vor dem WHEW super, 60 Kilometer mit fast 700 Höhenmetern lief ich mit einer Geschwindigkeit von fast 6 Minuten pro Kilometer mit bis zum Schluss niedrigem Puls bei 27 Grad und hätte auch noch weiter laufen können. So gehe ich mit großen Fragezeichen bezüglich meiner Form an den Start.  Meine Ziele sind:

  • unter 10 Stunden bleiben, 
  • möglichst konstant zu laufen und das letzte Ziel erfüllt sich von selber:
  • weitere Erfahrungen im Umgang mit Laufen bei starker Erschöpfung sammeln.

Der Regen hat aufgehört, die Luft ist dennoch sehr nass und feucht und es ist kalt, 3 Grad wie ich später höre. Simone hat morgens um 5 Uhr im Hotel mit mir gefrühstückt und sich dann aber wieder hingelegt. Sie wird sich einen schönen Tag in Wuppertal machen und mich dann im Ziel erwarten. Neben dem Start – Zielaufbau sind 2 Zelte. Im einen gibt es Kaffee und Brötchen, im anderen eine Wärmelampe. Ich schnappe mir einen Kaffee, gehe mit ihm zur Wärmelampe, setze mich hin und treffe Ultraurgestein Udo. Wir haben noch mehr als 30 Minuten bis zum Start und unterhalten uns über vergangene und zukünftige Wettkämpfe sowie unsere läuferischen Träume. Bisher haben wir wenig direkt miteinander gesprochen, dennoch fühlt sich der Kontakt sehr vertraut an: ich kenne etliche seiner Laufberichte, er schreibt über wirklich jeden Wettkampf, an dem er teilnimmt einen Bericht und veröffentlicht ihn auf seiner Homepage. Danach geht es geschwind zur Toilette im wunderschönen Alternativcafe Utopiastadt und dann zur Startaufstellung. Selbstbewusst reihe ich mich recht weit vorne im Starterfeld ein. Guido, der Organisator des WHEW – Laufes brieft uns, ermahnt uns der Einhaltung der Verkehrsregeln, da die Strecke nicht abgesperrt ist und es auch über Straßen und Ampeln geht. Dann spricht noch der Oberbürgermeister von Wuppertal. Ohne Musik und großes Tamtam wird von 10 rückwärts gezählt, dann geht es ohne Pistolenschuss los.

Da die Strecke nicht ganz 100 km beträgt geht es erst 400 m in die falsche Richtung zu einem Wendepunkt und wieder zurück zum Start und dann weiter auf einem ehemaligen Bahndamm entlang. Auf der rechten Seite kommen einige Häuser, so auch ein geplanter Kinderparcours. Auf dem großen „Hier entsteht…“ – Schild sieht er beeindruckend aus. Auf der linken Seite sind Bäume, rechts werden die Häuser weniger und kommen auch immer mehr Bäume. Mir ist bitterkalt und ich frage mich, ob es ein Fehler war, keine Mütze zu tragen. Ansonsten habe ich eine lange Kompressionshose, mein Vereinsshirt mit Armlingen und eine Regenjacke drüber. Eigentlich wollte ich diese am Start zurücklassen, kurzfristig habe ich mich aber umentschieden, da es vermutlich über den Tag verteilt noch mehr regnen wird.

Das Feld ist noch recht eng zusammen, so sind die Soundbikes auch alle gut zu hören. Das sind Fahrräder mit eingebauter Musikanlage, die die Läufer begleiten und mit Rockmusik „beglücken“. Momentan laufen alte Rockschinken wie Led Zeppelin, ist OK, höre ich gerne. In einem der zahlreichen Tunnel dröhnt es etwas, aber auch das ist auszuhalten. Bei meinem letzten 100 Km – Lauf in Winschoten verschob sich im Laufe der Zeit meine Wahrnehmung immer mehr, so dass sich für mich die gleiche Musik allmählich in unerträglichen Lärm verwandelte. Da ich jetzt weiß, dass es an mir und nicht an der Musik liegt, werde ich damit diesmal besser umgehen können, hoffe ich.

Soundbike

Diesmal habe ich mich darauf programmiert höchstens 5:30 Minuten / Kilometer zu laufen, diesmal klappt es auch. Apropos: Wegen des tempomäßigen Harakiris bei meinen beiden letzten Ultraläufen habe ich mit meinem Sohn eine Wette laufen: Wenn ich beim Mauerweglauf auf den ersten 120 Kilometern (Ausnahme abschüssiges Gelände) mehr wie 2 Kilometer schneller als 6 Minuten pro Kilometer laufe, verpflichte ich mich, den nächsten Kandelmarathon mit Eselsmütze zu bestreiten, die er mir aber auftreiben oder herstellen muss. Da meine Frau aber Kunst unterrichtet, dürfte das kein Problem sein. Wenn die Sprache auf diese Wette kommt, grinst mich mein Sohn breit an…

Nach einigen Kilometern geht es ein paar Meter steil bergauf zu einer Straße und für einige Zeit durch Straßen und Häuser. Die Wegmarkierung ist eigentlich perfekt: Wo nötig sind grüne Pfeile auf die Straße gemalt, aber auch wirklich nur wo nötig. So muss man sehr aufpassen. Da das Feld aber noch so eng beisammen ist, ist das kein Problem, ich folge einfach der Menge. Wieder geht es zurück und weiter auf dem alten Bahndamm. Der Weg geht leicht wellig zwischen Bäumen hindurch. 

Schon nach 7 Kilometern kommt die erste Getränkestation, ich trinke Wasser und laufe weiter. Kurz darauf gehe ich zu einem Gebüsch. Kaffee am Start und Wasser jetzt waren etwas zu viel. Aber besser zu viel als zu wenig trinken. Mehr als eine Minute kostet mich das, danach weiter. Wieder geht es zwischen Bäumen hindurch. Neben der Musik der Soundbikes kann man Vögel zwitschern hören.

Bei Kilometer 18 ist die nächste Getränkestation, wieder etwas Wasser und weiter. Eine Mutter mit ihrer etwa 15 jährigen Tochter steht am Streckenrand und feuert die Läufer an.

Allmählich fühle ich mich im Wettkampf angekommen, mein Tempo liegt bei etwa 5.30 Minuten pro Kilometer. Ab und an bin ich plötzlich außer Puste und merke, dass es bergauf geht und bremse dann ab. Meine Anfangswettkampfnervosität hat sich gelegt und mein Körper und meine Beine fühlen sich gut an, es groovt. Laut Streckenplan weiß ich, dass bei Kilometer 73 eine große Rampe kommt, wo es für viele Kilometer bergauf geht. „Jetzt den Marathon beenden, dann bis zur Rampe, die noch überstehen und die letzten 13 Kilometer erkämpfen“ denke ich mir.

Ab Kilometer 26 habe ich mir zu den Getränkestationen meine Eigenverpflegung bringen lassen. Jeweils etwa einen Viertel Liter eines Kohlenhydratgemischs, dass sogar ich vertrage. Ich stecke die Flasche in meinen Gürtel und trinke während des Laufens schluckweise, bis ich die Flasche am jeweiligen nächsten Stand austausche. Pro Stunde 1 und später 2 Salzkapseln und weiter. Wieder steht die gleiche Frau mit ihrer Tochter am Streckenrand und feuert die Läufer an.

Immer wieder geht es durch ein Dorf, muss man über Straßen um Häuser herum und auch ab und an über Fußgängerampeln, bis man wieder am Bahndamm zwischen Bäumen hindurch geht und die Vögel zwitschern hört. Nach dem Überqueren einer Straße kommen auf der einen Seite des Weges ein Baumarkt und ein paar andere Firmen, kurz geht es wieder durch einen Ort über Straßen und Ampeln und dann wieder den Weg zwischen sich abwechselnden Bäumen.

Ich spreche mit einem Biker, der seine laufende Freundin begleitet. „Mit deinem Hintern möchte ich nach 100 Kilometern nicht tauschen“ sage ich. „Ich mit deinen Beinen auch nicht“, antwortet er. Recht hat er. Ich gebe ihm meine Kamera und bitte ihn mich zu fotografieren, was er auch tut.

Nach wie vor fühle ich mich erstaunlich gut, genieße die Landschaft und friere nicht mehr. Plötzlich beginnt es zu hageln, recht große Körner. „Pech“ denke ich mir und laufe weiter. Es hört wieder auf, kurz kommt die Sonne, bevor wieder dunkle Wolken kommen. „Der April macht was er will wie der Mai“ denke ich mir.

In Winschoten hatte ich ab Kilometer 35 mit starken Schmerzen zum kämpfen, das ist diesmal nicht der Fall. Ich fühle mich nicht so leichtfüßig, es ist nur eine auch gewisse Schwere in mir, ich muss mich ein kleines bißchen mehr psychisch antreiben. Und so ab Kilometer 40 werden die Beine etwas schwerer. Damit kann ich umgehen. Gefühlsmäßig kann ich mir nicht vorstellen, so noch weitere 60 Kilometer weiterlaufen zu können, muss ich aber auch nicht. Noch kann ich laufen, also laufe ich. Die nächsten 10 Kilometer. Dann sehen wir weiter.

Es kommt erst der Baldeneysee und dann die Ruhr. Es fahren einige Ruderboote, trainierende Leistungssportler und dann auch Flöße, teilweise mit Unmengen Alkohol und übermäßig betrunkenen jungen Männern die vulgäre Lieder lautstark gröhlen. Ich genieße die Landschaft und laufe weiter. Die nächsten etwa 30 Kilometer werde ich am Wasser laufen. Eine alte, stillgelegte Industrieanlage mit großem Schornstein -bewohnt- erscheint am Ufer, ein schöner Anblick. Ich laufe weiter. Meine Oberschenkel schmerzen allmählich mehr. Erfreulicherweise spüre ich diesmal aber nicht die Muskeln ums linke Knie herum. Bei meinen beiden bisherigen Ultraläufen haben diese stark geschmerzt, verursacht durch eine Dysfunktion, meine rechte Hüfte rotierte nicht ausreichend. Meine unbewusste Ausgleichsbewegung verursachte die genannten Schmerzen. Ich habe also meine von meinem Untermieter (Osteopath) gezeigten Übungen gut durchgeführt.

Die Ruhr ist hier sehr breit. Es gibt viele Boote, einen Campingplatz sowie etliche Restaurants mit Terrassen. Bei der Getränkestation nehme ich Wasser und 2 Becher mit Elektrolytgetränken. Ich habe ernährungsmäßig ein Experiment begangen was schief geht: Bei Kilometer 30, 60 und 90 habe ich meine Kohlenhydratflaschen zusätzlich mit Arginin, Citrullin, etwas Ingwerwasser und wenig Chilli versetzt. Dadurch hat sich das Kohlenhydratpulver nicht richtig aufgelöst, ist also so nicht trinkbar. kein Problem, an den anderen Stationen habe ich jeweils genug deponiert. Ich halte an den Ständen schon einige Meter vorher an und gehe einige Schritte. Die zunehmende Ermüdung macht sich bemerkbar, die Beine werden schwerer, psychisch stört mich das nicht. Wegen dieser Bedingungen und der unperfekten Vorbereitung meinerseits hatte ich mich eh auf einen Kampf eingestellt und kämpfen muss ich können, wenn ich den Mauerweglauf finnishen will.

Ein älteres Ehepaar sieht mich vorbei laufen. „Wieviele Kilometer haben Sie noch?“ „56“ antworte ich. „Ach ja, ich habe es gestern im Fernsehen gesehen, das ist ja ein Hundert Kilometerlauf, viel Erfolg“, „Danke“ antworte ich und laufe weiter. Zum ersten Mal seit ich an Ultraläufen teilnehme genieße ich den Wettkampf nicht die ganze Zeit, wird die Möglichkeit, nach dem Mauerweglauf keine solchen Distanzen mehr zu absolvieren verlockender. Egal, kann ich ja dann entscheiden. Es muss auch solche Tage geben, an denen Alles nicht ganz so leicht läuft. Ich bekomme Durst und Lust auf Süßes, greife zu meinem Gürtel zur Flasche, leer. Mist, habe beim letzten Stand vergessen die Flasche auszutauschen. Jetzt muss ich ein paar Kilometer so durchhalten, wird schon gehen. Auf der anderen Seite habe ich starken Durst. Für diesen Zweck habe ich in meinem Gürtel einige Notfallgels deponiert, komme aber nicht auf die Idee diese zu verwenden. Ich denke nicht daran. Rückblickend betrachtet bin ich an diesem Streckenabschnitt mehr am Limit, als ich es zu diesem Zeitpunkt selber bemerke.

Bei Kilometer 50 wird wieder die Zeit genommen, die freundlichen Helfer am Getränkestand kommen meinem Durst kaum nach mit Nachfüllen. Dann „Danke“ sagen und weiter. Von der Zeit her bin ich nach wie vor flott unterwegs, habe meinen Kilometerschnitt von 5:30 in etwa halten können. „Jetzt hast du ein gutes Polster für die Rampe“, denke ich mir. „Aber ich bin jetzt schon so tot, wie soll ich die noch laufen können?“. Muss ich nicht jetzt entscheiden, jetzt kann ich laufen, also laufe ich, verlangsame meine Geschwindigkeit aber etwas, bin aber immer noch schneller als 6 Minuten pro Kilometer. Die Sonne kommt heraus, ich schwitze stark, also anhalten, Regenjacke ausziehen und mir umbinden. Weiterlaufen. Jetzt verschwindet die Sonne, kommen Wolken und Wind. Mir wird kalt, trotz Laufen friere ich. Also wieder anhalten, Jacke aufknoten und wieder anziehen und weiterlaufen. Dann drückt meine Blase. Anhalten, Notdurft verrichten, weiterlaufen. Auf der rechten Seite kommt ein Schild für einen Biergarten mit dem Namen „Biergarten des Deutschen Volkes“. Irritiert laufe ich weiter, zum Ärgern bin ich zu erschöpft. Wieder geht es für einige Meter steil herauf zu einer Straße, diese gehe ich, oben laufe ich weiter. An einem Bootssteg kommt ein Getränkestand. Wieder steht am Rand die gleiche Mutter mit Tochter und jubelt mir zu. Ich nicke Ihnen zu, hebe aber nicht einmal meine Hand zum Gruß, zu anstrengend.

Ein Läufer schließt von hinten auf. „Könntest du bitte meine Jacke hinten aus meine Tasche herausholen?“ „Klar“, ich hole sie und gebe sie ihm. „Was willst du laufen?“ fragt er. „Unter 10 Stunden“ antworte ich. „Du bist aber auf 9:30 – Kurs“, „ja, aber die Rampe kommt noch“ sage ich. Er erzählt mir, dass er bei dieser das letzte Mal einen Totaleinbruch hatte. Ich bin ihm zu schnell, wir wünschen uns viel Glück und jeder läuft für sich weiter. Auf der anderen Seite der Ruhr sind jetzt unzählige Campingwagen und Boote. Im Sommer muss hier die Hölle los sein, denke ich mir. Gehen wird zu einer immer attraktiveren Alternative, kommt aber vorerst nicht in Betracht. Wieder geht es einige Meter steil zu einer Straße herauf über eine Kreuzung und dahinter wieder herunter in eine wunderschöne Wasser – Baum Landschaft. Die Oberschenkel brennen, Pech, weiter. „Jetzt läufst du so weiter bis zur Rampe und siehst dann“, denke ich mir. Wieder geht es auf eine Straße über eine riesige Kreuzung. Die Ampel hat gerade auf rot umgeschaltet und die Straße ist zu befahren, warten bis grün, Pause genießen und weiter. Auf der anderen Seite geht es an der Straße entlang. Ich schließe auf einen Staffelläufer auf und überhole ihn. „Hoffentlich kommt bald der verdammt Sportplatz“ sagt er. „Was für einen Sportplatz?“ frage ich mich. Einige Minuten später biegt der Weg weg von der Straße auf einen Sportplatz, ein Stück auf der Aschenbahn zur Zeitmessung (Kilometer 73) mit Getränkestand. Ich trinke, tausche meine Flasche aus und laufe weiter. Wir hatten überlegt, ob mein Sohn mich die letzten 27 Kilometer mit dem Fahrrad begleitet. „Papa, nimm es mir nicht übel, du bist mir einfach zu langsam, das ist mit dem Fahrrad zu anstrengend für mich. Deshalb begleite ich dich nur die letzten 27 Kilometer“. Kann ich absolut verstehen. Da zum gleichen Zeitpunkt die Rad – Pfalzmeisterschaften stattfinden, begleitet er mich nun doch nicht. Ich muss aber daran denken. Auf der einen Seite bin ich froh, dass er jetzt nicht da ist. Jetzt am absoluten Limit bin ich lieber alleine, habe da lieber niemanden bei mir. Es gibt nur ganz wenige Menschen, die ich in solchen Momenten um mich haben kann. Er wäre einer der wenigen gewesen. Ich will es ihm sagen und wenn er will und es organisatorisch möglich ist, darf er mich mal bei einem Ultralauf begleiten.

Die Strecke führt vom Sportplatz weg zur großen Straße und dann rechts in eine kleinere Straße die super steil bergauf geht. Kann ich beim besten Willen nicht laufen. Also gehe ich. „Los lauf, Idiot“ denke ich mir. Geht nicht, zu steil. „Du kannst doch nicht jetzt 14 Kilometer gehen, dann vermasselst du dir deine Zeit“. Nein, laufen geht aber nicht. Nach einigen Hundert Metern werden wir wieder auf den Weg geführt. Dieser hat eine geringere Steigung. „Jetzt läufst du so langsam, dass du bis zum Ende der Steigung laufen kannst, dann verlierst du nur wenige Sekunden pro Kilometer“. Eigentlich logisch, bei einer Steigung langsamer zu laufen. Zu solchen Gedankenn bin ich aber kaum noch fähig. So freue ich mich über diesen „genialen Geistesblitz“ und laufe ein paar Sekunden langsamer als 6 Minuten pro Kilometer. Kilometerweise laufe ich, einige Meter gehe ich. Im Vergleich zu Winschoten gehe ich aber viel seltener und viel kürzere Strecken.

Bei Kilometer 76 kommt eine Getränkestation. Ich hole meine deponierte Flasche. „Du siehst aber noch gut aus. Hast du Schwindel?“ Ich unterbreche mein Trinken und schüttele den Kopf, trinke dann weiter. „Hast du Krämpfe, wir haben Magnesium?“. Ich setze ab, schüttele den Kopf und trinke dann weiter „du hast Krämpfe, wieso verneinst du, deine Oberschenkel brennen heftig?“ frage ich mich. Ich weiß die Antwort nicht. „Soll ich dir mehr Wasser in deine Flasche füllen?“ Dann würde sich die Kohlenhydratmischung ungünstig verändern. Bei einem bestimmten Mischungsverhältnis verkapseln sich diese und passieren den Magen und kommen direkt in den Darm. Das sind so ziemlich die einzigen Kohlenhydrate die ich in größeren Mengen bei größeren Distanzen vertrage. „Nein Danke“ antworte ich und trinke weiter. „Willst du Kartoffeln mit Salz“. Es ist wirklich schwer hier ungestört zu trinken denke ich mir , setze ab und antworte „Nein Danke, dann müsste ich kotzen“. Jetzt kommt die nächste Standhelferin: „Soll ich deine Flasche vollmachen“. „Das habe ich ihn auch schon gefragt“ sagt die erste Mitarbeiterin, „will er nicht“. „Jetzt hast du nur noch ein kleines Stück bergauf bis zum langen Tunnel und dann kannst du die letzten 13 Kilometer bergabrollen, geht dann ganz leicht“ sagen sie mir. „Verdammt nochmal ich bin tot, ich weiß nicht wie ich die letzten 13 Kilometer schaffen soll, rafft ihr das nicht?“ Diesen Satz denke ich mir und spreche ihn nicht aus, ich antworte „ja ich weiß, vielen Dank, Tschüß“ und laufe weiter.

Es kommt der lange Tunnel. Die Rampe endet. Nach dem langen Tunnel geht es leicht bergab. Ich fühle mich plötzlich leicht und beschwingt, erhöhe das Tempo und fliege erheblich schneller als 5:30 / Kilometer nur so dahin. Mein Blick auf die Uhr verrät, dass das eine richtig gute Zeit werden kann, das beflügelt mich noch mehr. Einige Läufer überhole ich und fliege nur so an ihnen vorbei. So schnell und unerwartet wie das „Hoch“ kommt, so schnell und unerwartet verschwindet es auch wieder: Bei etwas nach Kilometer 90 kommt plötzlich ein ganz starker Gegenwind geschätzt in der vom Wetterbericht gemeldeten Geschwindigkeit von 35 km/h. Meine Leichtigkeit, ist weg, die Schwere da, nichts geht mehr.

„Los kämpf“. Jeden Fuß setze ich vor den anderen, Schritt für Schritt reduziert sich die noch vor mir liegende Distanz. Es geht durch eine Art Canyon: rechts und links des Weges gehen steile Felsen nach oben, optisch wunderschön, windtechnisch katastrophal. Bei Kilometer 93 kommt die letzte Getränkestation. An ein Handy sind Boxen angeschlossen. Es läuft „Break on through to the other Side“ von den Doors. Passt irgendwie zu meinem Zustand., er hat etwas von der von Jim Morrison besungenen „other Side“. Flasche wechseln, Wasser trinken, 2 Becher Elektrolyt und weiter. Es geht durch einen Vorort von Wuppertal. Halbstarke gehen breitschultrig den Weg entlang, jeder hört „Gangsterrap“ in großer Lautstärke, man macht mir keinen Platz, also laufe ich um sie herum. In dieser Betonöde haben die aber auch keine andere Möglichkeit sich zu entfalten. Ich freue mich wie privilegiert ich auf dem Land leben darf.

Jetzt gibt es einen kleinen Anstieg und dann die letzten Kilometer über den Dächern von Wuppertal. Es kommen verschiedene verlassene Bahnhöfe. Wenn ich Gehpausen einlege hört der Wind auf. Laufe ich los bläst er um so stärker. „Dieser Verda…te Ar…l… Dr….s…Gegenwind“ denke ich mir. „Los lauf“, einige Schritte laufen, gehen. „Los weiter“, also weiter, gehen. Jetzt kommt der letzte Tunnel. Noch 700 Meter. Ich kann nicht mehr. Aber es ist gegen meine Ehre gehend ins Ziel zu gelangen, das gibt es nicht, ich muss laufen, egal wie. Also laufe ich. Irgendwie. Mein Anblick wird wohl furchtbar sein, mein Gesicht von der Anstrengung gezeichnet, egal, weiter. Die Mutter und Tochter stehen 200 Meter vor dem Ziel und applaudieren. Ich fühle mich wie der Hase bei Hase und Igel. Ich laufe und laufe und der Igel ist immer schon da. (In meinem Fall diese Mutter mit ihrer Tochter…)

Ich laufe weiter, kämpfe mich über die Ziellinie beuge mich stark nach vorne und verschnaufe. Simone nimmt mich in den Arm, beglückwünscht mich und schießt die „Hinterherbilder“. Ich hole mir ein alkoholfreies Bier und will mich hinsetzen. Bei der Abwärtsbewegung des Hinsetzens machen die Beine zu und ich falle auf die Bank und stehe erst mal nicht mehr auf. Auch wenn ich nach dem Lauf tagelang starke schmerzende Beine habe bin ich doch überrascht, wie schnell sich mein Körper von dieser Belastung erholt. Von Ultralauf zu Ultralauf scheint mein Körper besser mit dieser Belastung umgehen können. Das gibt Hoffnung in Bezug auf künftige Ultra – Wettkämpfe.

Mit 9:42:02 bin ich von 144 gestarteten Männern 17. geworden und Altersklassen Fünfter. Mit meiner Zeit bin ich absolut zufrieden. Auch bin ich recht konstant gelaufen, nur hat mich der Wind auf den letzten 10 Kilometern gerockt.

Der WHEW ist ein fantastischer Lauf in einer tollen Umgebung. Guido und alle Helfer machen mit ihrem Engagement und ihrem Enthusiasmus aus diesem ein tolles Event. Jetzt kann die Vorbereitung für den Mauerweglauf in Berlin losgehen. Im Juni werde ich weniger arbeiten, im Juli habe ich 3 Wochen frei, kann also unbeschwert trainieren. Jetzt freue ich mich auf den Mauerweglauf.

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Runwinschoten 100 km

Hochmut kommt vor den Fall…

nicht immer

Vorspiel

Als ersten 100 km Lauf 10 Mal 10 Kilometer zu laufen ist verrückt, ich weiß. „Cornelius mach das nicht, du kommst ständig am Ziel vorbei, musst aber weiterlaufen bei zunehmender Ermüdung“ sagte mein Laufkumpel Hermann bei einer unserer regelmäßigen gemeinsamen Laufrunden. „Vor Jahren habe ich in Brandenburg einen 100er, den man in 5 km Runden laufen musste, bei Kilometer 50 aufgegeben“. Ich wundere mich. Wie kann man einen 100 Kilometerlauf nach 50 Kilometern aufgeben? Müdigkeit kommt und man muss halt weiterlaufen. Ja, es ist mental schwieriger bei Rundenläufen, aber trotzdem….  Ich hörte zu und schwieg. In Sachen Ultraläufen ist er erheblich erfahrener als ich, da er seit 17 Jahren Marathon und Ultra läuft. Im Übrigen interessierte mich genau das. Was macht das mit mir. Schaffe ich das? Wie geht es mir bei zunehmender Erschöpfung durchs Ziel und weiter zu laufen. In der Pampa wird man trotz Erschöpfung weiterlaufen, weil man ansonsten eine sehr weite Strecke gehen müsste. Aber würde mir das auch am Ziel gelingen, wenn das Aufhören so einfach ist?

Zugleich müssen die Bewohner von Winschoten ziemlich verrückt sein und aus dem Lauf ein Event machen. Sie schmücken die Stadt mit Fahnen und Girlanden und feiern den ganzen Tag.  So meldete ich mich frühzeitig in Winschoten an.

Beim 80 Kilometer Fidelitas Nachtlauf, meinem ersten Ultralauf überhaupt hatte ich mich völlig verausgabt. Diesen hatte ich nach einer einjährigen Verletzungspause ein dreiviertel Jahr lang mit hartem Training vorbereitet. Aus Angst mich zu überfordern, beschloss ich nach diesem ersten Ultralauf die Saison zu beenden und Winschoten abzusagen. Die Stornierungsmail sendete ich drei Tage nach dem Lauf gleich abends nach Winschoten ab. In der darauffolgenden Nacht schlief ich schlecht. Ich merkte, dass ich traurig war wegen der Absage, wollte dort laufen, hatte aber schon abgesagt.

Am nächsten Morgen fand ich eine Mail vom Winschotener Racedirektor in meinem Emailbriefkasten mit der Bitte, ihm meine Bankdaten durchzugeben, damit er mir das Geld rücküberweisen kann. Also schrieb ich ihm, dass ich doch nicht zurücktreten will und erklärte es ihm. Etwa 10 Minuten später antwortete er mit „Dear Cornelius, that´s great news“. Ich war glücklich über diese Antwort und freute mich auf diesen Lauf, sofort kamen aber auch Angst und Druck vor dieser Aufgabe.

Vorbereitung

Ich regenerierte 7 Wochen und lief in dieser Zeit nur mit sehr stark angezogener Handbremse: Sehr geringe Umfänge von 30 – 35 Kilometern pro Woche, die ich in der 6. und 7. Woche auf 70 Kilometer steigerte. Danach trainierte ich 4 Wochen lang mit teilweise 135 Kilometern pro Woche sehr hart. Im Gegensatz zum Karlsruher Nachtlauf klappten alle langen Läufe gut. Freitag drei Wochen vor Winschoten wären  50 – 55 Kilometer dran gewesen. Es gewitterte aber stark. Also lief ich drei Stunden später los. Immer noch blitzte und donnerte es ständig. Da die Blitze zu nah waren, brach ich diesen langen Lauf nach 4 Kilometern ab. Am nächsten Tag war ein Familienfest. Gegen 21 Uhr kamen wir zurück, 21.20 Uhr lief ich los. Ich stelle das Auto mit weiteren Getränken, meinen Kohlenhydraten sowie Salzkapseln an den Rand der Weinberge. Mitten in der Langen Runde würde ich nach 25 oder mehr Kilometern nicht mehr loslaufen können, wenn ich für weitere Getränke nach Hause müsste. Deshalb hatte ich das Auto ans Ende unserer Wohnstraße gestellt. Ich wollte inmitten des Laufes nicht zum Trinken nach Hause müssen.  Ich war mir sehr unsicher, ob ich wirklich die 50 Kilometer schaffen würde, deswegen sagte ich zu Simone, dass ich vielleicht bald zurück komme, sie aber nicht warten soll. Einen Trinkrucksack mit einem 1,5 Litern Limonaden – Mineralwassergemisch nahm ich für diesen mit. Diesen langen Lauf durch die Nacht genoss ich total. Ein Dorf weiter, ziemlich genau auf der anderen Seite des Tals fand eine kulinarische Wanderung statt. Man hatte verschiedene Zelte in den Weinbergen aufgebaut, es gab dort verschiedene Leckereien. Als ich loslief ging dort gerade das Abschlussfeuerwerk los. So konnte ich zum Start meines Langen Laufes in das Abendleuchten hinein das Feuerwerk genießen. Ich genoss die Einsamkeit in der Nacht durch die Südpfälzer Weinberge. Nur bedauerte ich, dass es nicht mehr  für die Morgendämmerung reichte. Die gerichteten weiteren Getränke im Auto hatte ich nicht benötigt, meine mitgeschleppten 1,5 Liter hatten ausgereicht. Vielleicht sollte ich doch mal in Biel laufen (der legendäre 100 km Lauf von Biel startet um 22 Uhr, man läuft durch die Nacht), weil das durch die Nacht Laufen wirklich toll war. Um 2 Uhr 20 kam ich nach 51 Kilometern zurück. Simone empfing mich mit den Worten „um 4 Uhr hätte ich die Polizei gerufen“. Sie hatte sich einfach nicht vorstellen können, dass ich nach dem langen und intensiven Familienfest wirklich 50 Kilometer durch die Nacht laufen würde.

Auch der Abschlusslange Lauf klappte gut: 60 Kilometer in 6:03 mit 700 Höhenmetern und ich war nicht übermäßig erschöpft. Jetzt noch 2 Wochen tapern. Das bedeutet, man läuft so wenig wie möglich, damit der Körper ausruhen kann, damit man am Wettkampftag absolut fit ist. Andererseits läuft man so viel, dass die Form, die man erarbeitet hat bis zum Wettkampftag konserviert wird. Macht man in der Taperingphase zu viel, vermasselt man sich den Wettkampf. Wenn ich die 2 Wochen angemessen tapern würde, wäre ich gut vorbereitet.

Winschoten

Wir sitzen in der Halle. Am linken Rand hinter dem Eingang befinden sich Informationsschalter und Startnummernausgabe. Auf der gegenüberliegenden Seite konnte man die Dropbags abgeben. Ich habe 7 Flaschen gefüllt mit meinen flüssigen Kohlenhydraten, Salzkapseln, 1 Regenjacke, 1 Langarmshirt und weiteres Kohlenhydratpulver für den Fall dass ich mehr brauche.  Der Veranstalter transprotiert diese Dropbags entweder zu Kilometer 5 oder wie ich es gemacht habe 300 m vom Ziel weg in die Coachingzone.

In der Mitte der Halle stehen Tische und Stühle. Um mich herum sitzen ausgezehrte, durchtrainierte Gestalten. Im Vergleich zu ihnen komme ich mir dick und unsportlich vor (bei 1,89 wiege ich 80 kg). Zugleich sind die holländischen 100 km – Meisterschaften. 15 Minuten nach dem Start des 100 km Laufes wird zudem ein 50 km und noch einmal 15 Minuten später der 10 Mal 10 km Staffellauf gestartet. Ich habe endlich Zeit innezuhalten zu rastlos waren die Wochen vorher: Unser Garten wurde neu angelegt und 2 Kellerräume renoviert. So gut wie jeden Abend mussten wir Steine wegschleppen und Lehmaushub. In der Folge hatte ich wirklich an jedem Tag schwere Beine, in den letzten Tagen tat mir abends der untere Rücken weh und wegen der Rastlosigkeit (Arbeiten Laufen mich um die Familie kümmern, Steine schleppen) hatte ich wieder mal zu viel Kaffee getrunken. In der Folge machte sich meine rechte Achillessehne die letzten 2 Tage vor dem Wettkampf bemerkbar. Eigentlich habe ich meine Achillessehenprobleme gut im Griff mit Athletiktraining, Faszienrolle und Dehnen, wenn ich mich einigermaßen basisch ernähre. Sobald ich meine Übungen vernachlässige oder mich zu säurebetont ernähre meldet sie sich sofort. Also nahm ich wieder mein Entsäuerungsmittel, was mir vor dem Nachtlauf schon gute Dienste geleistet hatte.

Genau jetzt eine Stunde vor dem Start des bisher längsten Laufes meines Lebens realisiere ich meinen Zustand: Ich bin definitv nicht ausgeruht, es wird eine Frage der Zeit sein, wann der untere Rücken, die Achillessehne und überhaupt meine Beine sich melden. Die Chance zu finishen schätze ich in dem Moment geringer als 50% ein. Ich könnte heulen. Natürlich beschließe ich zu kämpfen. Lieber will ich das Risiko eingehen, bei 80 oder 90 Kilometern entkräftet aufhören müssen und in übertragenem Sinne „als Krieger sterben“ als es gar nicht zu versuchen. Simone meiner Frau sage ich nichts von meinen Gedanken. Sie sieht die Tränen in meinen Augen und scheint das für die „Vorwettkampfemotionalität“ zu halten und strahlt mich an. Nach dem Start will Simone einen Ausflug nach Groningen machen. Sie würde mir beistehen wollen, wenn ich aussprechen würde, was mich bewegt. Ich will es aber alleine durchziehen. Leiden und Kämpfen will ich eher alleine. Eine gute Entscheidung wie sich später herausstellte.

Start – das Rennen

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Trotz gemeldeten 15 Grad habe ich mich für eine kurze Laufhose entschieden, meinem kurzärmligen Vereinsshirt und leuchtstifthellblauleuchtenden Kompressionssocken, mit denen ich mich von den anderen Läufern unterscheide. Mit ihnen erkennt Simone mich von weitem. Kurz vor 10 Uhr ziehe ich meine wärmende Jacke aus und gebe sie Simone. Einen Abschiedskuss, ihr einen schönen Tag wünschen und auf in den Startblock.

Mich verwirren die beiden parallel liegenden Startbahnen. Ich erfahre, dass für uns „100er“ die linke Startbahn gilt. Die rechte ist für die 10 x 10 km Staffelläufer, die ja nach jeder Runde wechseln.

Durch meine Überpünktlichkeit stehe ich im vorderen Drittel des Starterfeldes. Um Punkt 10 Uhr geht es ohne großes Tamtam los. Wie schon bei meinem letzten Ultralauf keine ACDC oder sonstige Musik, nur der übliche Startcountdown, PENG, und dann setzt sich das Starterfeld in Bewegung. Und – ich werde es nie verstehen – wie immer bei Marathon- und Ulzrawettkämpfen starten etliche Leute in einem Mördertempo, ich schätze erheblich schneller als 4 Min. /km los. Ich bin hochkonzentriert wie in einer tiefen Meditation und laufe los. Normalerweise programmiere ich mich bei Wettkämpfen auf ein Tempo und laufe dies diszipliniert. In Halbmarathons und 10 Km Läufen habe ich das geübt und mich vor Marathons darauf programmiert. Nenne es Doofheit, Zerstreutheit oder wie auch immer, ich hatte mich auf kein Tempo programmiert. Rückblickend würde ich sagen, es war der Stress. Meine Familie trägt meine Lauferei Gott sei Dank mit. Ich fange deswegen sehr früh an zu arbeiten. Ich kann meine Arbeitszeiten selbt bestimmen und arbeite meistens bis 16 Uhr durch, laufe dann und bin meist gegen 18 Uhr zu Hause. Die langen Läufe laufe ich Freitag abends bzw nachts, es sei denn ich muss wie beim Karlsruher Nachtlauf, das Laufen bei Hitze trainieren. Dann vertage ich die langen Läufe auf Samstag oder Sonntag Mittag, wie es halt passt. Dennoch habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen meiner Familie gegenüber. Und natürlich habe ich bei unserem Umbau angepackt, zumal ich durchs Tapering nicht wirklich viel lief. So war die Vorwettkampfzeit also rastlos und erst am Rennmorgen konnte ich nachdenken.

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Wie erwähnt hatte ich mich auf kein Anfangstempo programmiert, lasse meine Beine entscheiden und laufe in 5:30 /km los.

Wie bei jedem wichtigen Wettkampf habe ich drei Ziele. Wenn ich eines nicht mehr erreichen kann, greift das Nächste. Das letzte heißt immer „kämpfen“ bzw. „finishen“. Die Ziele lauten also:

  1. Als Mindestziel laufen und bis zum Umfallen kämpfen und finishen, egal wie. Wobei gesagt werden muss, dass das Cut Off dieses Laufes bei 12 Stunden liegt. Man muss nach 10:50 Stunden die letzte Runde begonnen haben, sonst wird man aus dem Rennen genommen.
  2. Unter 10 Stunden bleiben
  3. Mein Traum wären 9:30

Im Vorfeld eines Wettkampfes spreche ich ungern über Ziele, stapele eher tief. Auch aus Unsicherheit ob ich sie schaffe. Nur wirklich nahestehenden Menschen offenbare ich mein echtes Ziel, es sind diesmal die genannten 9:30 Stunden oder nahe dran.

Direkt nach dem man den riesigen einschüchternden Startaufbau, hinter sich gelassen hat, geht es um die Kurve in einen Park. Hier beginnt die „Coachingzone“. Es sind etliche Zelte am Wegesrand aufgebaut von Teams, die ihre Athleten unterstützen. Nach ca. 300 Metern kommt das offizielle Dropzonenzelt. Ich sehe meine Sachen auf dem Tisch gerichtet liegen und bin zufrieden. Gegenüber befindet sich ein Cafe, es ist jeder Tisch besetzt von Leuten, die den Athleten zugucken. Nach einigen Hundert Metern kommt ein „Coachingzone End“ – Schild.

Etwa einen Kilometer lang geht es weiter durch den Park. Ich komme in meinen Rhythmus und laufe meinen Stiefel.

Im Vorfeld des Starts war mir ein von seiner Ausstrahlung her interessanter Läufer aufgefallen, vermutlich Holländer. Er hatte ein schwarzes Shirt an an dem vorne das magische Wort „Spartathlon“ und hinten ein japanischer Name aufgedruckt war. Ich treffe ihn auf der Strecke und spreche ihn an. Er sagt, dass er bereits drei Mal den Spartathlon gefinisht hat und diesen Winschotener 100 Km Lauf als letzten langen Lauf vor dem in drei Wochen stattfindenden Spartathlon sieht. Der Spartathlon ist ein 246 Kilometer langer Lauf von Athen nach Spartha, den man in 36 Stunden beendet haben muss. Mit einem Japaner, der beim letzten Spartathlon genau zur selben Zeit ins Ziel gelaufen war wie er, hatte er Trikots getauscht. „Ich darf heute nur nicht zu schnell laufen“ sagt er zu seiner heutigen Renntaktik. Am Schluss war er etwa 30 Minuten schneller als ich….

Ich berichte ihm von meinem Ultradebut und gebe meine Zielzeit mit etwa in 10 Stunden finishen an. „Wenn du beim Fidelitas Nachtlauf 80 km mit 900 Höhenmeter gelaufen bist, entspricht das 89 Kilometer im Flachen.“ Nach dem Karlsruher Nachtlauf war ich wirklich am Ende, hatte mich völlig verausgabt. Schaffe ich hier dann in meinem Zustand 100 Kilometer? Ich werde innerlich etwas kleiner, mein Selbstbewußtsein schrumpft.

Kurz vor Beendigung der ersten 10 Kilometer Runde lasse ich ihn ziehen, unser Tempo hat sich auf 5:10 eingependelt und das ist spürbar zu schnell für mich.

Die erste Runde beende ich in 54 Minuten. Ich fühle mich gut und spüre (noch) nichts von dem körperlichen Harakiri, den ich mit diesem mörderischen Anfangstempo begehe.

Eine Erfahrung vom Karlsruher Nachtlauf war die Ernährung: Deswegen nehme ich meine flüssigen Kohlenhydrate zu mir, aber nicht so viel und trinke so gut wie ausschließlich Wasser.

Nach dem Park kommt eine lange, breite, gerade Straße. An manchen Häusern haben die Bewohner Tische und Stühle aufgebaut, trinken Rosewein oder Sekt und feuern die Läufer an. Nach wenigen Kilometern kommen enge Wohnstraßen. Vereinzelt sind Girlanden um die Häuser herum und über die Straße gespannt. In der ersten Wohnstraße wurden große, auf Holz gemalte und ausgesägte an Stangen befestigte Tiere am Straßenrand aufgestellt. Neben den wirklich in ausreichender Anzahl vorhandenen offiziellen Getränkestationen gibt es unzählige private. Vor fast jedem Hause in den Wohnstraßen sitzen Bewohner, trinken, grillen und feiern und bejubeln die Läufer. Belebte Straßen wechseln sich mit ruhigen ab. Aber auch an den ruhigen sitzen die Menschen und applaudieren. Am Ende der längeren ruhigen an einem Kanal gelegene Straße bei Kilometer 5,5 steht ein großer Traktor mit Tischen und Bänken, jungen Leuten, lauter Musik und Bier. Kurz vor Kilometer 7 kommt eine lange gerade Wohnstraße mit angenehmer Popmusik, gefühlt alle 10 Meter steht ein Kind und bietet den Läufern zur Erfrischung einen nassen Schwamm an. Genau bei Kilometer 7 rennt bei so gut wie jeder Runde ein Mann  mit einem Tablett auf mich zu und bietet mir süße Schaumstoffstangen an, die ich als Kind geliebt habe, jetzt bei diesem Wettkampf aber nicht vertragen würde. Jede Runde antworte ich „No thank you“ und laufe weiter. Dann geht es eine kurze Weile an einer Straße vorbei, an der nur auf der rechten Seite Häuser sind und links ein Wäldchen. Ich genieße dort immer die Ruhe, denn direkt nach dem Wäldchen kommen Party, laute Rockmusik und feiernde, fröhliche Leute. Ich öffne den Mund, damit der laute in meine Ohren dringende Schall durch den Mund wieder heraus geht.

Wir biegen links in eine Straße in der am Rand bei Kilometer 9 eine große mit Alufolie umwickelte „9“  an einem Stab befestigt in die Erde gerammt ist. Über die Straße hinweg sind viele Hundert Meter lange Girlanden, die mit orange – gelben nach unten aufgespannten Regenschirmen beschmückt sind. Aus einem Unimog dröhnt wieder laute Rockmusik. Die Straße ist voll von feiernden jubelnden Menschen. Dann links abbiegen, eine kleine ruhige Passage durch ein Rondell nach links in die Start – Zielgerade. Direkt hinter dem Rondell ein Bierstand. Die lauten holländischen Schlager sind nicht das Schlimme. Der DJ singt mit Mikrofon die Schlager völlig schräg mit falschen Tönen mit. Viele jubelnde Menschen. Die zweite Runde beende ich in 54 Minuten.

Wieder nur ein paar Schluck Kohlenhydrate trinken, Salzkapseln, etwas Wasser und weiter. Die ganze Stadt ist abgesperrt, es gibt ein paar Durchfahrtsstraßen, an denen Ordner die Autos für uns Läufer bremsen. An einer dieser Straßen tanzt einer der Ordner immer dann wenn er nichts zu tun hat. Ich werde ihn den ganzen Tag tanzen sehen. Es windet ordentlich, aber immer nur für eine kürzere Zeit, da man ständig die Richtung wechselt. Ziemlich am Anfang der Wohnstraße, wo auch selbt gebastelte Tiere auf Holz gemalt und aufgestellt sind, steht jetzt ein Kind mit Downsyndrom und jubelt.

Ich spreche mit einem holländischen etwas älteren Läufer und erzähle ihm, dass dies mein erster 100er ist und dass ich gerne in 10 Stunden finishen würde. „Man muss die Marathonzeit mal drei nehmen, das ist die mögliche Zeit bei 100 Kilometern. Das wären 3:20“ sagt er bezüglich meiner Wunschzeit. Ich bin 3:22 gelaufen, aber das war Jahre her, vor meiner Verletzung. Dieses Jahr rannte ich 3:38 nicht am völligen Limit. Das wären etwa 10:30 Stunden. Von diesen Gedanken sage ich ihm nichts, werde aber innerlich wieder etwas kleiner. Ich will schneller als 10 Stunden sein, wie ein trotziges kleines Kind will ich das, will will will.

Die dritte Runde beende ich in 54  Minuten. Coachingzone, Salzkapseln, flüssige Kohlenhydrate, Wasser, weiter durch den Park, die lange Straße entlang in die Wohngebiete. Ein älterer erheblich kleinerer Läufer als ich nimmt mich in den Gegenwindpassagen als „Windschutz“, das ist OK für mich, wir laufen zusammen und nicht gegeneinander. Er erzählt, dass er mit 68 Jahren versuchen will in 10 – 10:30 Stunden zu finishen. Er wird erheblich länger brauchen, dennoch habe ich riesigen Respekt vor ihm und vor seiner Leistung, sich das anzutun. Er muss geistig sehr offen sein, noch für diese Art von Leistungssport zu brennen.

Foto ist von Janny Heijerman

Krise

Bei Kilometer 35 kommt was kommen musste: Die Beine werden sehr schwer, meine Bewegungen werden schlagartig unrund und auch beginnt der untere Rücken zu schmerzen. Im ersten Moment werde ich verzweifelt. Ich kann mir nicht vorstellen so noch weitere 65 Kilometer weiter laufen zu können. So ist der erste Impuls aufzugeben. „Aber“, so sage ich mir, „jetzt läufst du den ersten Marathon fertig und noch zwei weitere Runden und siehst dann weiter“. Gesagt getan, ich laufe weiter, um den ersten Marathon zu beenden und dann noch ein Halbmarathon geht auch noch. Auch diese Runde beende ich in 54 Minuten. Im Kopf fühle ich mich ziemlich klar, kein Nebel, ich kann noch gut denken, nur schmerzt der Körper und die Beine sind schwer. Durch aufrechte Haltung hält sich der untere Rücken erträglich, die Achillessehne auch, ein Ziehen im Vorderfuß kommt hinzu. Auch das fühlt sich nicht nach Verletzung an. Das wird wohl kein Ermüdungsbruch werden an diesem Tag. Ich glaube eh, dass die meisten Verletzungen bei Ultraläufern nicht während sondern nach einem Wettkampf kommen, wenn diese dem Körper nicht genug Ruhe und Regeneration geben. Die 5. Runde beende ich in 56 Minuten.

Aufgeben?

Ich gebe es zu: wäre Simone im Ziel gewesen, hätte ich aufgegeben. Ich halte es in diesem Moment einfach für ausgeschlossen, die noch fehlenden 50 Kilometer laufen zu können. Innerlich beginne ich Hermann Abbitte zu leisten für meine Unwissenheit bzw. Arroganz. Bei unserem nächsten gemeinsamen Lauf habe ich Hermann auch in Realität davon berichtet.

Vor jedem Zieldurchlauf hoffe ich, dass Simone nicht da ist, weil ich genau weiß, dass ich dann eventuell aufgeben würde. Ich beschleunige am Zielbereich das Tempo, um sie ja nicht zu treffen.

Bei der 6. Runde beginnen gelegentliche Gehpausen. Ja, ich bin Läufer und nicht Geher, hasse es bei Läufen zu gehen, aber es geht nicht anders. Ich gehe aber nur kurz. 5 Kilometer laufen, dann 100 Meter gehen, 3 – 4 Kilometer laufen und gehen und so weiter. Das Gehen wird mehr und länger werden, das Laufen weniger und zunehmend kürzer. Ziemlich genau in der Mitte der 6. Runde verspüre ich plötzlich Hunger, habe also zu wenig Kohlenhydrate zu mir genommen. Bei einem privaten Getränkestand trinke ich deswegen ausnahmsweise Cola. Die 6. Runde beende ich in 55 Minuten. Ich überlege aufzugeben, kann mir nach wie vor nicht vorstellen es zu schaffen, aber 4 Stunden auf Simone warten ist zu stressig, da kann ich auch weiterlaufen. Also laufe ich.

Salzkapseln, mehr flüssige Kohlenhydrate, Wasser und weiter. Beim Wasser fragen mich die Helfer wie es mir geht. Verdammt nochmal ich bin tot, quäle mich, und die fragen wie es mir geht. Zum Glück denke ich das nur und spreche es nicht aus. Ich antworte „OK“, bedanke mich und laufe weiter. In den Muskeln um das linke Knie herum kommt nun ein starker Schmerz dazu. Das hatte ich beim Fidelitas Nachtlauf auch schon. Ich laufe in den Schmerz hinein, hinke eine Weile stark, nach einigen Hundert Metern verschwindet er. Beim Gehen bleibt er. Die Gehpausen werden häufiger. Sie hinke ich. Die ersten Schritte beim Loslaufen schmerzen stark, danach geht es den Umständen entsprechend gut. Die Musik an den jeweiligen Ständen verwandelt sich allmählich in immer unerträglicher werdenden Lärm. Ich sehe mehr Bier und Wein an den Tischen der Bewohner stehen und ich gebe es zu. Insgeheim wünsche ich mir die Blaskapelle des Kandel Marathons herbei.

Ein reines Vergnügen ist das Laufen nicht mehr. Und natürlich kommt in einem solchen Moment die Frage nach dem warum. Warum tue ich mir diese Quälerei eigentlich an? Die Antwort kommt prompt: Weil mich das Laufen magisch anzieht, weil ich es tun muss, mich es ganz macht. Mir kommt ein Zitat des Musikers David Gilmour in den Sinn: „I go on doing what I have to do!“ Genau das ist es. Diese Antwort stimmt, befriedigt mich, ich laufe weiter.

Ich muss mich sehr zusammennehmen, dem falsch singenden DJ kurz vor dem Start / Ziel nicht meinen Mittelfinger entgegenzustrecken, weil mich das falsche Gesinge nervt, ja, ärgert. Mein Kopf ist immer noch recht klar, jedoch werde ich innerlich zunehmend reizbarer. Gott sei Dank kann ich mich nach außen hin einigermaßen zusammenreißen. So gut es geht am Ziel beschleunigen, damit Simone noch nicht da ist, und weiter. Ich beende diese Runde in 58 Minuten Der Sprecher am Ziel nennt meinen Namen und sagt auf holländisch etwas von meiner Position, ich glaube, es sollte „17“ heißen. So beginne ich die 7. Runde erregt.„Bin ich bei diesem super Startfeld an 17 Position? Kann nicht sein, oder doch? Das musste sicherlich „27.“ oder „37.“ heißen.“ Über 100 Starter waren gemeldet, das wusste ich. Wie ich später recherchierte sind 93 gestartet und davon finishten 53.

Bei der langen geraden Straße bei Kilometer 2 sitzen junge Leute, grillen und trinken Bier. Ich gehe. Sie stehen auf, feuern mich fanatisch an, also beginne ich halt wieder zu laufen. Sie freuen sich, lachen und jubeln. In einem Rondell bei Kilometer 4,5 schneidet mir ein Auto der Rennleitung den Weg ab, ich muss leicht abbremsen. Wutentbrannt brülle ich „aus dem Weg, hopp“, schäme mich hinterher für meinen Ausbruch und laufe weiter.

In Mitte der 7. Runde realisiere ich, dass ich jetzt finishen kann, selbst wenn ich das meiste wandere. Diese Erkenntnis findet aber keinen großen emotionalen Widerhall in mir. Immer noch kann ich es mir einfach noch nicht vorstellen zu finishen. Der Kopf realisiert es, der Rest in mir nicht. Ich bin geistig nicht von Müdigkeit oder Erschöpfung vernebelt, sondern einfach müde und durch das hohe Anfangstempo „abgeschossen“. Die realitische Möglichkeit zu finishen ist noch zu unrealistsch. Zudem will ich den Lauf in 10 Stunden beenden und zwar weitestgehend laufend und eben nicht wandernd.

Bei Kilometer 7 spricht mich eine auf einem Stuhl sitzende Frau auf holländisch an. Ich denke sie will wissen wie es mir geht und antworte „OK“. Der neben ihr sitzende Mann nennt dann meine Startnummer. Sie „ach so“ und macht ein Kreuz auf ihrer Liste. Der Wind hatte meine vordere Startnummer hochgeweht, so dass man sie nicht sehen konnte. Hinten war sie mit Sicherheitsnadeln befestigt. Das waren Rennkontrolleure. „Cornelius geht’s dir gut?“ fragte sie. Sie spricht mich mit meinem Vornamen an, da dieser auf meiner Startnummer aufgedruckt ist. Ich antworte: „Ja etwas müde“.


Meine Zeiten werden langsamer und pendeln sich bei 60 Minuten ein. Ende der 7. Runde (ich beende sie in 1:01) keine Simone, Gott sei Dank, also weiter. Kohlenhydrate, mehr Salz, Wasser und weiter. Bei der geraden langen Straße soll mir das nicht noch mal passieren: Wo ich die jungen Leute vermute laufe ich. Nur kommen sie nicht. Später gehe ich und werde von einem „hopp hopp, run, hopphopp“ erschreckt. Innerlich hatte ich sie zu früh an der Straße vermutet. Also beginne ich wieder zu laufen, sie freuen sich.

Die 8. Runde geht irgendwie vorbei. Für sie benötige ich 1:01 Stunden. Ich amüsiere mich über mich. Ich hätte nie gedacht, dass ich mir mal die Blaskapelle des Kandel Marathons herbeiwünschen würde, aber ich empfinde die Musik als immer noch unerträglicher werdenden Lärm und ich sehne sie mir förmlich herbei. Was ich damals nicht realisierte ist, dass sich meine Wahrnehmung im Verlauf des Wettkampfs stark verändert hat.

Finish

Das Kind mit Dowmsyndrom steht immer noch da. Mein Gehen kommentiert es mit einem missmutigen Stöhnen, fasst an meinen nassen Po und versucht mich anzuschieben. Viele Erwachsene, die diese Szene sehen sind pikiert, mich rührt diese Geste. Also laufe ich wieder los, das Kind mit Downsyndrom freut sich.

Bei Kilometer 7 wieder die Frau auf dem Stuhl „Cornelius, wieviele Runden hast du noch?“ fragt sie mit ihrem holländischen Akzent. „Nach dieser noch eine“. „Super, tolle Leistung“. Ich bin absolut erschöpft, kann aber kilometerweise weiterlaufen. Es fühlt sich anders an als beim Karlsruher Nachtlauf. Ich bin viel weniger vernebelt, hochkonzentriert, auch am absoluten Limit, aber anders, habe trotz aller Erschöpfung einem viel klareren Geist, bin fast in einem meditativen Zustand. Immer häufiger werde ich gefragt, wieviele Runden ich noch laufen muss, werde immer mehr beglückwünscht. Meine Körperhaltung hat sich verändert: Mein Oberkörper hat nun einen Linksdrall. Es gibt bei Youtube einen Film, auf dem man mich bei Kilometer 97 nach einer Gehpause wieder loslaufen sieht, den Linksdrall und auch den „Loslaufschmerz“ kann man da gut erkennen. Ich tauche bei Sekunde 17 auf. (https://www.youtube.com/watch?v=X49ksmBufpg). Auch diese Runde beende ich in 1:01 Stunden.

dav

Zu Beginn der letzten Runde sitzt Simone in der Coachingzone auf der Bank. Jetzt freue ich mich sie zu sehen, insgeheim hatte ich es in dieser Runde gehofft. „Wieviele Runden musst du noch laufen?“ fragt sie. „Nur noch diese“ antworte ich. „Wirklich nur noch diese?  Kann ich dann zum Ziel?“ fragt sie ungläubig. Ich bin seit 8:34 Stunden unterwegs „Ja, kannst du“ antworte ich. „Du warst erheblich weniger verpeilt als beim Karlsruher Nachtlauf“, sagt sie mir später. „Präsent, hochkonzentriert und fokussiert. Ich konnte kaum glauben, dass dies wirklich die letzte Runde war, und musste deshalb explizit noch einmal nachfragen.“ Ich küsse sie, forme meine Hände in ihre Richtung zu einem Herz und zeige es in ihre Richtung, nehme Salz, ein paar Schluck Kohlenhydrate zu mir und laufe nicht weiter. Mich gelüstet es nach Cola. Es ist die letzte Runde, also egal: Ich trinke 3 Becher Cola (die Helfer fürchten um meinen Magen. Ich beruhige sie, dass dies meine letzte Runde ist) und laufe dann weiter. Jetzt bin ich mir sicher diesen Lauf erfolgreich zu beenden und beginne zu rechnen in welcher Zeit. Für 9:30 wird es wohl nicht ganz reichen, aber dicht dran. Also kämpfen. Die Gehpausen werden wieder weniger. Ich finde das ist ein spannendes Phänomen: Das Gehirn behält einen bestimmten Prozentsatz an Energie zurück und sendet frühzeitig ein Müdigkeitssignal. Diese Energie ist für den Notfall gedacht, wenn man einem gefährlichen Tier davonlaufen muss. Da jetzt die Anstrengung bald vorbei ist, gibt das Gehirn einen Großteil der zurückbehaltenen Energie nun frei. Deswegen nehmen in der letzten Runde die Gehpausen etwas ab.

Bei den jungen Leuten, die mich zwei Runden lang gehend zum Laufen angetrieben hatten, laufe ich, sie freuen sich. Auch das Kind mit Downsyndrom jubelt und freut sich mich laufend zu sehen. Bei Kilometer 7 lege ich eine Gehpause ein. Beim wieder Loslaufen kommt wieder der starke Schmerz in den Muskeln um das linke Knie herum und mir entfährt ein Schmerzensschrei. Sofort kommt der sich mit Fahrrädern fortbewegende Medical Service zu mir gefahren und fragt mich: „You are Okay?“. „Yes I´m OK, only feeling little pain!“ antworte ich und laufe weiter. Ich habe das Bedürfnis, mich zu bedanken und applaudiere vielen Zuschauern zu und verabschiede mich innerlich von den Straßen, Häusern und Menschen. Weil das Gehen sehr schmerzhaft ist befürchte ich, nach dem Wettkampf  größere Gehprobleme zu bekommen. Zuerst aber laufen, kämpfen und finishen. Und das möglichst schnell.

Zieleinlauf

Nach dem Rondell geht es auf die Zielgerade, schon frühzeitig sagt mich der Racedirektor mit seinem Mikrophon an und spricht unter anderem das magische Wort „Finish“. Die immer noch zahlreichen an der Strecke stehenden Leute jubeln mir zu und beglückwünschen mich. Ich laufe ins Ziel. Eigentlich wollte ich die letzten paar Hundert Meter besonders genießen, geht aber nicht. Das Weiterlaufen ist einfach zu anstrengend, zu müde, dumpf und erschöpft bin ich. Ich kämpfe mich über die Zielinie. Für die letzte Runde brauchte ich 1:02 Stunden. Helfer wickeln mich sofort in eine Decke. Ich bedanke mich, gehe zum Ende der Absperrung, gebe sie ab und gehe zu Simone, nehme sie mit den Worten „es ist vollbracht“ in den Arm und danke ihr für die Unterstützung. Ich fühle mich glücklich, erschöpft, aber erstaunlich klar. Jedoch kann ich meinen Zustand nicht zuverlässig einschätzen, weiß nicht, was in Sachen Körper noch kommt. Deswegen rasch die „danach – Fotos“ schießen und ab in die Dusche. In der Umkleidekabine sind außer mir nur 50 km- und Staffelläufer. Ich kann mich nur schwer bewegen, es dauert ewig, die Kompressionssocken auszuziehen. In der Dusche kommt plötzlich an starker Schmerz an einer unerwarteten Stelle: an meiner Pofalte, sie ist enorm wund und brennt fürchterlich beim Duschen.

Nach dem Duschen hält mir ein 10 km – Staffelläufer mit den Worten „you had the harder competition“ die Tür auf, was mich rührt. Weil ich wegen der Schmerzen beim linken Knie beim Gehen während des Wettkampfs weitere und stärkere Schmerzen befürchte, will ich rasch zum Hotel in die Nähe eines Bettes, also in Sicherheit.

Unser Zimmer liegt im Nebengebäude im oberen Stockwerk. Man kommt über eine Außen – Eisentreppe dorthin. Also folgt nun ein „Ultratraillauf“: Ich muss mich mit meinen schmerzenden Haxen breitbeinig über die Eisenaußentreppe ins obere Stockwerk kämpfen. Simone hat ihren Spaß mir dabei zuzugucken und amüsiert sich königlich. Im Zimmer massiert sie meine Beine mit Magnesiumöl. Ich schicke an Familie und Freund ein Zielfoto mit den Worten „Das war der härteste, brutalste, schmerzhafteste Lauf meines Lebens aber völlig geil“ und nach einem kurzen Abendessen löschen wir das Licht. Simone schläft schnell ein, ich nicht. Sobald ich die Augen schließe, schießen unzählige Bilder des Laufs durch meine Kopf und stoppen nicht. Diese halten mich wach. Das kenne ich schon von anderen Wettkämpfen. Wenn ich mal einschlafe, werde ich schnell wieder von den Schmerzen in meine Beinen vom im Schlaf Umdrehen bzw. die Lage wechseln wach. Auch das gehört dazu.

Zwei Tage später am Montag, kann ich sogar wieder schmerzfrei liegen! Ich bin stolz was ich geleistet habe, bin 9:33:30 gelaufen, 21. von 93 Gestarteten und 53 gefinishten und das bei den holländischen Meisterschaften bei meinem ersten 100 Kilometerlauf.

Der Runwinschoten ist ein hervorragend organisierter Lauf, es fehlt an nichts. Die Bevölkerung ist in positiven Sinner verrückt: Die Leute setzen sich bei 15 Grad 9 Stunden an die Strecke, feuern die Läufer an und feiern. Die Musik an der Strecke ist nicht wirklich schrecklich, das hat vielmehr etwas mit der Verschiebung meiner Wahrnehmung zu tun durch die zunehmende Ermüdung. Irgendwann werde ich dort sicherlich mal wieder laufen.

Nachbetrachtung

Seit dem 8. September 2018, an dem das Rennen stattfand, regeneriere ich. Frühestens Anfang November fange ich mit Grundlagentraining an, Januar und Februar 2019 folgen marathonspezifisches Training, was mit der Teilnahme beim Kandel Marathon endet. Das hat damit zu tun, dass meine Schnelligkeit durch das Ultratraining etwas gelitten hat. Mit dem Grundlagen- und dem dann folgenden marathonspezifischen Training feile ich an meiner Grundschnelligkeit, die mir auch beim Ultralaufen hilft. Erst nach dem Kandelmarathon (mit seiner Blaskapelle bei  Kilometer 15 und 17, diesmal werde ich sie erstmals genießen!) beginnt das ultraspezifische Training. Wo und wann ich nächstes Jahr meine Ultraläufe absolviere, steht noch nicht völlig sicher fest, ich werde es aber Anfang 2019 sicher wissen.

Dieses 100 Kilometerrennen in Winschoten bin ich aus Doofheit viel zu schnell angegangen. Das darf mir nie mehr passieren. Bis zum nächsten Ultralauf werde ich bei Volks- und Halbmarathonläufen erneut das Laufen eines bestimmten Tempos unter Wettkampfbedingungen trainieren und mir in der Taperingphase mehr Zeit nehmen zur mentalen Vorbereitung.

Für den nächsten Hunderkilometerlauf habe ich jetzt eine Hausnummer, im Schnitt bin ich 5:41/pro Kilometer gelaufen.

65 Kilometer bin ich mit reinem Willen gelaufen, dass das möglich ist, hätte ich nicht gedacht. Mein Hauptfehler war aber genau das: Man muss immer im „hier und jetzt“ bleiben. Wenn ich bei Kilometer 35 müde bin, aber noch weiterlaufen kann, muss ich das tun. Sich vorzustellen noch 65 Kilometer laufen zu müssen ist mentaler Selbstmord. Jeder erfahrene Ultraläufer weiß das, ich jetzt auch. Es reicht aber nicht aus, diese Dinge theoretisch zu wissen, man muss diese Dinge erleben, selbst erspüren und erleiden. Von dem her wird mir diese Erfahrung bei meinen nächsten Ultrawettkämpfen ungemein wertvoll sein und soviel kann ich verraten: Mittelfristig wird sich die Distanz meiner Wettkämpfe steigern.

In Sachen Linksdrall habe ich entsprechende Übungen in mein Athletiktraingsprogramm eingebaut. In meiner Praxis habe ich 2 Räume an einen sehr guten Osteopaten untervermietet. Mit ihm habe ich gesprochen, er zeigte mir die Übungen, die ich in mein Athletikprogramm eingebaut habe. 
Die Schmerzen um das linke Knie herum kommen wie ich inzwischen weiß von einer mangelnden Rotationsfähigkeit meiner rechten Hüfte, wie ein Termin bei einem Spezialisten ergab. Das heißt die Probleme der linken Körperseite entstehen, weil diese Ausgleich für die rechte Körperseite machen muss. Ich weiß jetzt um die Gründe der Probleme und kann nun etwas tun.

Mein Magen wird wohl immer beim Ultralaufen empfindlich bleiben. Ich darf deswegen nicht so viele Kohlenhydrate zu mir nehmen wie irgend möglich. Gels vertrage ich fast nicht, höchstens eines alle 3 – 4 Stunden. Am besten vertrage ich flüssige der Firma Maurten. Im Winter werde ich viele Nüchternläufe absolvieren und die langen Läufe möglichst Kohlenhydratfrei, d.h.a b 3 Stunden vor bis Ende des Laufes keine Kohlenhydrate einnehmen. Da der Körper die Kohlenhydratspeicher schneller leert und dann keine mehr zur Verfügung hat, muss er auf Fettverbrennung umschalten. Das macht der Körper ungern. Jedoch hilft mir diese wiederum, bei den langen Distanzen besser durchzuhaltenAls „Lebensversicherung“ kann ich mir ja 1 Gel bei den langen Läufen mitnehmen, damit ich bei einem langen Trainingslauf nicht mitten „in der Pampa“ mangels Energie nach Hause wandern muss.

Weil dieser Lauf wirklich toll organisiert war und weil man die Rücknahme meiner Absage so einfach hinnahm schickte ich dem Racedirektor eine Dankesmail. Er antwortete mir mit „You finished your first 100 km loop with 9:33.30, you can be proud for that“ und das bin ich.

In der Haupttraningsphase für den nächsten Ultralauf möchte ich mich bewusster ernähren. Ich bin Stressesser, möchte leere Kohlenhydrate in der Hauptvorbereitungsphase ganz weglassen, ich glaube da ist noch viel Potential. Jedoch wird mir das sehr schwerfallen, aber ich versuche es. Es ist irgendwie auch schön zu wissen, dass ich noch Erfahrungen sammeln kann, besser werden kann. Der „Lauf meines Lebens“ war das Gott sei Dank noch nicht. Dieser liegt noch vor mir, es dauert noch etwas bis er kommt. Er wird aber definitv kommen und ich freue mich darauf.

Danken möchte ich an dieser Stelle meiner Familie: Unserem Sohn Gabriel („Wie weit bist du gelaufen Papa?“ „ Ach 35 Kilometer! Nur!“)  und meiner Frau Simone („Dass du Ultra laufen willst, weiß ich schon lange. Endlich kapierst du´s auch, ich unterstütze dich!“), die meine Lauferei mittragen. Dafür erhalten sie abends einen erheblich fröhlicheren, ausgeglicheneren Papa bzw. Ehemann. Das Ende meiner langen Verletzungsperiode sehnten auch sie herbei.

Dem ist nichts hinzuzufügen außer Danke…

Vielen Dank an Janny Heijerman (Per en PR RUN Winschoten) für die Erlaubnis 2 Fotos verwenden zu dürfen.

Kommentar

Der 2 fache Deutsche Meister im 24h – Lauf (AK) Udo Pitsch (www.marathon.pitsch-aktiv.de) kommentierte meinen Laufbericht. Da ich seinen Kommentar absolut auf den Punkt gebracht brillant empfinde, gebe ich ihn mit seiner Erlaubnis hier wieder:

„Hallo Cornelius,

zunächst meinen herzlichen Glückwunsch für deine Leistung. Mehr als die reine Laufzeit, imponiert mir deine Fähigkeit Entkräftung und Schmerzen zu trotzen. Großes Kino!

Wenn man Fehler macht, egal ob renntaktische oder wobei auch immer sonst, braucht einen im Nachgang niemand darauf hinzuweisen. Die offenbaren sich von selbst, führen dazu, dass man leidet wie ein Hund. Beschehren zumindest Unpässlichkeiten, Beschwernis oder im Nachgang irgendwelche Leiden. Du hast Verbesserungswürdiges und -fähiges aufgezählt. Andererseits sind es auch solche Fehler, die einen weiterbringen. Weil sie einen in Zustände versetzen, die man für Minuten oder Stunden glaubt nicht durchstehen zu können. Dass man es dann doch packt ist viel wichtiger als die Laufzeit. Das ist der wahre Wert eines erfolgreich zu Ende gelaufenen Wettkampfs. Wenn du weiter Ultra läufst, wirst du dir deine Ziele immer höher stecken. Deshalb werden diese scheinbar unüberwindlichen Barrieren, wird die Aussichtslosigkeit des Augenblicks dich immer wieder herausfordern. Genau das ist das Wesen des Ultralaufs. Ob du schon so weit bist die ganze Wahrheit zu verstehen, weiß ich nicht. Für mich lautet sie: Die aus adäquatem Training entspringende physische Fähigkeit die Distanz in einer bestimmten Zeit zu schaffen ist nicht mehr als die Voraussetzung für ein Finish. Erfolgreich, siegreich ist man mit dem Kopf. Nur mit nie erlahmendem Willen und der Fähigkeit notfalls auch über Stunden zu leiden, kommt man ins Ziel. Du schriebst:

„65 Kilometer bin ich mit reinem Willen gelaufen, dass das möglich ist, hätte ich nicht gedacht. Mein Hauptfehler war aber genau das: Man muss immer im „hier und jetzt“ bleiben. Wenn ich bei Kilometer 35 müde bin, aber noch weiterlaufen kann, muss ich das tun. Sich vorzustellen noch 65 Kilometer laufen zu müssen ist mentaler Selbstmord.“

Man kann noch viel weiter als 65 Kilometer mit „reinem Willen“ laufen. Mir ging es zuletzt bei den 100 Meilen Berlin so. Da war ich nach 50 km leer und hatte noch 110 vor mir. Und doch wusste ich, dass das geht und wie es geht. Hab diesen Punkt, ab dem jeder „vernünftige“ Mensch die Lauferei einstellen würde, oft genug erlebt und damit auch oft genug erlebt, dass es ab der Marke „ich habe fertig“ dennoch weitergeht. Du wirst in ein paar Jahren wissen, wie wichtig dieses Erlebnis für dich war. Wirst erleben, dass es dich mental enorm stark macht. In so einer Situation nicht aufgegeben zu haben ist ein großes Pfund, mit dem du künftig in dir selbst wirst wuchern können. Und auch das noch: Zu Beginn meiner Marathon- und später meiner Ultrazeit scheute ich den Gedanken wie viele Kilometer noch vor mir liegen wie der Teufel das Weihwasser. Hatte Angst vor depressiven Phasen. Habe sie auch erlebt, zu Anfang, etwa bei einem 12h-Lauf. Heute ist das anders. Inzwischen kann ich „leer“ sein und trotzdem den Zähler munter rückwärts laufen lassen. Weil ich diese Situation des scheinbaren „nichts geht mehr“ oder „bald geht nichts mehr“ so, so, so oft erlebte. Sie sogar sehenden Auges herbeiführte, weil ich aus vollem Training heraus in Ultrawettkämpfe ging, die mir Mittel zu noch längerem Zweck waren. 

Ursprünglich wich ich auf die Ultrastrecke aus, weil ich mich darüber ärgerte, dass ich mir an der 3h-Stunden-Marke beim Marathon immer wieder den Kopf einrannte. Ein Teil meines Naturells ist das eines Grenzgängers. Keiner jener Hasardeure, die dabei mit ihrem Leben spielen. Davor hätte ich Angst. Aber sich ausdauermäßig völlig zu verausgaben war mir immer schon Abenteuer wert. Also suchte ich nach dem Punkt, hinter dem wirklich Schluss ist. Ab dem ich nicht mehr laufen kann, einfach umfalle oder mich niedersinken lasse. Der kam nicht bei 100 km, auch nicht nach 24 Stunden, nicht einmal nach hinter 246 km des Spartathlons. Das weiß ich heute, nach vielen auch sehr langen Ultraläufen. Andererseits höre ich auf meinen Körper, der mit auf dem Weg von Athen nach Sparta nahelegte, es bei dieser Anforderung einmalig zu belassen. Sie nicht toppen zu wollen, ja sogar künftig darunter zu bleiben. Das ist vordringlich eine Entscheidung, die meinem Alter geschuldet ist. Darum rate ich jedem Ultraläufer seine Träume zügig zu verwirklichen. Nichts überstürzen selbstverständlich, sich sinnvoll über die Jahre aufbauen, aber auch nicht säumig sein. 

Man fasst als nächstes Ziel meist einen läuferischen Traum ins Auge, oder eine Leistung, die einem als Herausforderung gilt, beschrieben in Kilo- und Höhenmetern, die es zu überwinden gilt. Ich habe rückblickend erkannt, dass hinter diesen vordergründigen Zielen ganz andere Ziele erreicht werden, von denen man oft nicht einmal weiß, dass es sie gibt, noch weniger, dass sie wichtig sein könnten. Zum Beispiel war mir irgendwann klar, dass ich aufgrund meines Ultratrainings und zahlreicher Ultrawettkämpfe fähig bin jederzeit – also jetzt, oder morgen, heute Nacht – einen Marathon zu laufen und – so es mich gelüstet – tags drauf erneut, wieder und wieder. Loslaufen und Ankommen, Zeit egal. Geht jederzeit und mehrfach. Ich war verblüfft über diese Erkenntnis. Hab sie irgendwann in eine spezielle Form des Wettkampfs umgesetzt – 10 Marathons in 10 Tagen, verbunden mit einer Zielzeitvorgabe. So ein „hintergründiges Ziel“ für dich könnte sein, durch vielfache Wiederholung des Erlebnisses der schieren Aussichtslosigkeit in einen Zustand zu kommen, in dem dich rein gar nichts mehr erschrecken kann. So geht es mir seit einiger Zeit. Dass dieser Zustand wichtig ist ergibt sich aus der Tatsache, dass ich immer wieder in Situationen gerate, die von Anflügen von Verzweiflung geprägt sind, die auch neu sind und mir dann verbindlich Mut machen kann: Ich habs immer geschafft, egal wie aussichtslos es schien, also schaffe ich es heute auch …

Beim Lesen deines Berichtes musste ich mehrmals schmunzeln, fand mein eigenes Empfinden in ähnlicher Situation lebendig wiedergegeben. Zum Beispiel die wachsende Reizbarkeit, wenn man leidet und dieses Leiden sich nach und nach verschärft. Dann geht mir so ziemlich alles auf den Wecker, ganz besonders natürlich zweifelhafte musikalische Darbietungen … 

Ich wünsche dir weiterhin alles Gute und hoffe wir sehen uns in 2019 irgendwo auf oder an einer Strecke.

Herzlichen Grüße

Udo“

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Fidelitas Nachtlauf

Mein erster Ultralauf – Fidelitas Nachtlauf 80 km

nachtlauf karlsruhe - Outdoor Adventure: Mein erster Ultralauf


Mein erster Ultralauf

Noch gut 30 Minuten bis zum Start auf der überhitzten und schattenfreien Aschenbahn. Bei 29 Grad Celsius sitzen mein Lauffreund Hermann und ich auf Bierbänken im Schatten unter einem Dach vom Sportlerheim und blicken auf das Geschehen. Vor uns ein Sportplatz, umgeben von einer Wiese und einer Aschenbahn. Wir unterhalten uns über Belangloses, geben uns locker. So fühle ich mich aber keineswegs. In Wirklichkeit bin ich nervös, angespannt, will aber gar nicht so genau hinspüren. In einer halben Stunde starte ich meinen ersten Ultralauf, der über 80 Kilometer durch den Schwarzwald führt – mit knapp 900 Metern Steigung.

ultra marathon ultralauf karlsruhe - Outdoor Adventure: Mein erster Ultralauf

Mein erster Ultralauf | Das Vorspiel

Nach einjähriger Verletzungspause kann ich endlich seit Oktober letzten Jahres wieder ernsthaft trainieren. Vor diesem Zeitpunkt bin ich maximal Marathon-Distanzen gelaufen. Da meine Achillessehnenprobleme einfach nicht weggingen, machte sich in mir zunehmend Angst breit, dass ich nie wieder so würde laufen können, wie ich gerne möchte. In dieser Phase der Unsicherheit kam der Gedanke, dass ich gerne jetzt – und nicht irgendwann später – Ultraläufe absolvieren möchte. Je weiter desto besser. 

Eigentlich ein Wiederspruch. Aber: einige Jahre zuvor hatte ich mit leuchtenden Augen dem Start des Karlsruher Nachtlaufs zugeschaut. Damals bin ich die „kleine“ Distanz, den Marathon, gelaufen. Ein Bus bringt die Marathonläufer in den Ort Mutschelbach, von wo aus man ab 20 Uhr die zweite Hälfte der Langdistanz in die Dunkelheit hinein läuft. Für mich waren die Ultraläufer eine Art „Elite“, der ich nie angehören würde. Zugleich fesselte mich der Gedanke 80 Kilometer am Stück zu laufen. Also recherchierte ich im Internet bezüglich ultraspezifischen Lauftrainings und machte mich schlau.

Meine Frau reagierte auf meine Bemerkung, Ultras laufen zu wollen, mit den Worten: „Das ist mir schon lange klar, endlich kapierst du`s auch. Ich unterstütze dich!“ Ehrlicherweise hatte ich ihr gleich gesagt, dass ich mir ziemlich sicher bin, dass es nicht bei dem 80 Kilometerlauf bleiben würde, sondern mit ziemlicher Sicherheit auch größere Distanzen folgen würden. Jetzt stand mir also mein erster Ultralauf bevor.

Die Vorbereitung bestand zuerst aus einem marathonspezifischen Training, welches Mitte März mit dem Kandel-Marathon in der Südpfalz endete. Seit 18 Monaten war ich keinen Marathon mehr gelaufen und war am Start entsprechend unsicher. Ich finishte in 3:38h und bin dabei nicht an mein persönliches Limit gegangen. Sicherlich hätte ich aus meinem Körper ca. fünf Minuten mehr herauspressen können, aber um den Preis, dass ich dann hätte mindesten 14 Tage regenerieren müssen. So konnte ich einen Tag nach dem Kandel-Marathon weitertrainieren. Mehr zählte aber die Tatsache: ich war gut in Form und nicht so weit von meiner alten Leistungsfähigkeit weg.

laufen wettbewerb - Outdoor Adventure: Mein erster Ultralauf

Beim Marathon trainiert man Tempoläufe und einmal pro Woche lange Läufe, sogenannte „Lalas“. Man sollte in den 12 Wochen bis zum Marathon 10 mal die 35 km gelaufen sein in eher langsamem Tempo. Dann hat man die notwendige Langausdauer für den Marathon. Zusätzlich kann man Endbeschleunigung in die Lalas einbauen, um mehr Wettkampfhärte zu erreichen.

Hitze, Höhenmeter und die Kunst der Lalas

Ultratraining ist anders: Weil die Distanzen so lang sind, kann man natürlich nicht 10 Mal 60 Kilometer rennen. Die dann folgende nötige Regenerationszeit würde zu lange dauern. Ich tastete mich an lange Distanzen heran, erhöhte auf 45 km, dann auf 50 km, einmal 55 km und einmal 60 km. Nach zwei bis drei harten Trainingswochen mit 120 km inklusive Lalas kam eine Regenerationswoche mit weniger als 100 km pro Woche und kürzeren Lalas. Immer wieder streute ich als Abwechslung „Trainings-Marathons“ ein, teilwiese bei Hitze und mit Höhenmetern.

crosslauf - Outdoor Adventure: Mein erster Ultralauf

Drei Wochen vor meinem großen Tag verspürte ich plötzlich einen starken Schmerz in meinen linken Aduktoren. Sicherheitshalber setzte ich zwei Tage aus. „Hast du viel Stress?“ fragte meine Vereinskameradin Iris, die bereits einen 160 Kilometerlauf gewonnen hatte. „Ja, ich habe beruflich gerade ziemlichen Stress und kompensiere das mit zu viel Kaffee.“ Sie empfahl mir ein natürliches Entsäuerungsmittel, was in der Apotheke erhältlich ist und eine eher basische Ernährung. Zugleich startete ich einen kalten Kaffeeentzug und bin die Schmerzen quasi über Nacht losgeworden, so dass ich wieder laufen konnte. Wahrscheinlich hätte ich meine früheren Achillessehenprobleme so erheblich schneller in den Griff bekommen.

Mein erster Ultralauf | Hauptsache nicht dehydrieren

Den ersten 50 km Lala schaffte ich gut. Den zweiten musste ich bei Kilometer 37 wegen Flüssigkeitsmangel und den dritten bei Kilometer 40 wegen Kohlenhydratmangel abbrechen. Die darauffolgende 55er Runde bei Kilometer 40 wegen Salzmangel. Ich kann bei Temperaturen von bis zu 20 Grad einen Marathon ohne Trinken beenden, das geht. Bei Ultradistanzen ist das anders, wie ich im Training erfahren durfte. Nun hatte ich mehrere Lalas hintereinander aus Trainigssicht quasi „in den Sand gesetzt“. Deswegen musste ich die abschließenden 60 km max. 14 Tage vor dem Wettkampf erfolgreich zu Ende führen, damit mein Plan aufging.

Ich parkte mein Auto mit 6 Litern Flüssigkeit (3 Liter Wasser, 3 Liter süße Limonade) im Nachbardorf im Ortszentrum. Außerdem dabei: Salzkapseln und in Wasser auflösbare Kohlenhydrate. Bei 29 Grad lief ich eine 6,5 km Runde mit 70 Höhenmetern den Berg hinauf, am Fußballplatz vorbei hoch in die Weinberge mit toller Sicht auf den Pfälzer Wald und die unzähligen Weinreben. Bei einem am Wald gelegenen Krankenhaus bog ich rechts ab und lief hinunter ins nächste Dorf, an einer kaum befahrenen Straße entlang zurück zum Auto. Die letzten 2 der insgesamt 9 Runden musste ich Gehpausen einlegen. Die 6 Liter Flüssigkeit reichten gerade so. Aber ich schaffte es in 7 Stunden. Nach diesem Lauf war ich mir recht sicher, dass ich zumindest finishen würde.

volkslauf strassenlauf - Outdoor Adventure: Mein erster Ultralauf

Mein erster Ultralauf | Der Wettkampf

Es ist kurz vor 17 Uhr. Nur noch wenige Minuten bis zum Start. Ein Vorher-Selfie für meine Frau zeigt meine Anspannung vor dem Lauf . Hermann, mein Lauffreund und ultra-erfahrener Trainingspartner, ist nach wie vor die Ruhe selbst. Er hat 77 Marathons auf dem Buckel, pah! Wegen seiner Schmerzen im Fuß läuft er heute mit neuen Einlagen. „Kein Problem, ich habe meine alten Einlagen im Rucksack dabei, mit denen kann ich 20 Kilometer laufen. Erst dann kommen Schmerzen, zur Not kann ich auf diese wechseln“. Soviel zu seiner Renntaktik! Ultraläufer sind schon ein eigenes Völkchen.

Wir gehen aus dem Schatten heraus zum Start und uns umgibt gleich die starke Hitze. Ich habe drei Ziele. Wenn ich das Erste nicht erreiche, habe ich noch die beiden Anderen. Sonst besteht in der Erschöpfung das Risiko aufzugeben. Ziel Nummer 3: finishen, egal wie. Nummer 2: unter 9 Stunden bleiben. Das eigentliche Ziel (Nummer 1): in weniger als 8 Stunden finishen. Das wird sehr knapp und ich bin mir unsicher ob ich das schaffe.

Die ersten 20 (flachen) km will ich langsam laufen in einem Schnitt etwas schneller als 6 Minuten pro Kilometer. Dann kommen die Steigungen. Diese will ich „so wie es geht“ möglichst in einem 6er Schnitt absolvieren. Ab Kilometer 60, wenn es fast nur noch abwärts geht, werde ich mich bis zum Ziel durchkämpfen müssen.

Wir stehen recht weit vorne in der Nähe der Startlinie. Schon jetzt fließt der Schweiß in Strömen, dabei sind wir noch gar nicht gestartet. Bei einem Marathon herrscht oftmals kurz vor dem Start eine „positiv-aggressive“ Grundstimmung. Meist läuft „Highway to hell“ von ACDC oder sowas in der Art. Hier gibt’s eine fröhliche Musik und eine eher lockere Atmosphäre. Ultras laufen weniger „gegen“ andere, sondern eher für sich. Jeder weiß, was es bedeutet so eine Distanz zu laufen, respektiert den anderen Läufer, sieht ihn eher als Partner. Oft werde ich während des Wettkampfs auf der Strecke von anderen Läufern gefragt werden, ob alles OK ist. Bei einem Marathon ist mir das noch nie passiert.

Ultramarathon – was zur Hölle mache ich hier?

Meine Anspannung steigt, gefühlt werden die „Lasten“ auf meinem Rücken schwerer. Nun könntest du sagen, warum macht er sich solchen Stress? Er könnte doch einfach laufen und Erfahrungen sammeln. Der Druck ist doch selbst gemacht. Ja, stimmt. Mir ist es aber wichtig bei Wettkämpfen ans persönliche Limit zu gehen und darüber hinaus. Einen am Limit gelaufenen Marathon empfand ich immer als eine Erfahrung, die mich verändert hat. Deswegen will ich auch hier das Maximale erreichen, bin gespannt wie es mir dabei ergeht. Wie sich das anfühlt und was es mit mir macht. Ich konzentriere mich auf meinen Atem, atme bewusst langsam tief ins Zwerchfell und beruhige meinen Geist. Von 10 wird auf 1 heruntergezählt, dann kommt der Startschuß und los geht’s.

ultra marathon ultralauf - Outdoor Adventure: Mein erster Ultralauf

Ruhig und tief atmen, schnell auf eine Pace von 5:50 bis 6 Minuten pro Kilometer kommen. Soweit die Theorie. In der Realität läuft Hermann schon in der Stadionrunde in einem mörderisch hohen Tempo von 5:15 los. Mein erster Gedanke ist „Boah, den lässt du nicht davonlaufen“, also laufe ich im gleichen Tempo hinterher. Lauf langsamer, denke ich aber schnell. Ich versuche es, schaffe es aber nicht. Meine Beine gehorchen meinem Kopf nicht. In den Bergen wirst du ihn sowieso wieder einholen, denke ich. Es bleibt dabei, meine Beine wollen einfach nicht auf mich hören.

Vom Stadion geht es direkt in den Wald. Die ersten Kilometer verlaufen flach und anfangs eher am Waldrand neben weitläufigen Kleingartenanlagen vorbei. Über angenehm zu laufende Waldwege betrachte ich die saftig grüne Vegetation, fast auschließlich Laubbäume, viele Eichen. Zwischen den Bäumen blitzen Sonnenstrahlen hindurch und verursachen ein besonderes Licht. Ab und an geht es ein kleines Stück – ohne Bäume – in die Hitze und dann wieder hinein unter den Schutz des saftigen Grüns. 

Da ich in den letzten Monaten viel bei Hitze trainiert habe, macht mir diese nicht so viel aus. Das Läuferfeld liegt noch eng beisammen, zieht sich aber allmählich auseinander. Nach etwa fünf Kilometern kommt die erste Getränkestation, an der es nur Wasser gibt. Zwei Becher trinken und weiter geht’s. Wenn ich durch meine in den Sand gesetzten Lalas etwas gelernt habe, dann das: Trinken und Nahrung ist das Wichtigste! Wir laufen an einem Abenteuerspielplatz vorbei. Zuschauer stehen am Rand und feuern uns an.

Irgendwie in den Flow kommen

Mühsam schaffe ich es nach einigen Kilometern mein Tempo etwas zu zügeln, laufe aber immer noch eigentlich zu schnell, etwa 5:30 – 5:45. Zugleich bin ich über mich erstaunt. Ich hätte nie gedacht, dass diese „Konkurrenz“-Gefühle doch stark sind, dass ich mich nicht gut bremsen kann. Offenkundig sind bei solchen Renndistanzen die Emotionen bei mir irgendwie purer. Wenn ich im Normalzustand irgendwelche Gefühle habe, etwa Neid, kann ich diese wahrnehmen und entscheiden, wieviel Energie ich ihnen geben will. Sie sind da und ich kann sie akzeptieren und mit ihnen umgehen. Bei diesem Wettkampf kann ich das nicht. Gefühle – egal welche – sind dann einfach da, voll und ganz in ihrer vollen Intensität.

laufen running - Outdoor Adventure: Mein erster Ultralauf

Es ist an der Zeit die erste Kohlenhydratflasche zu leeren, da demnächst die 2. Getränkestation kommt und ich knapp eine Stunde unterwegs bin. Pro Stunde trinke ich eine Flasche mit flüssigen Kohlenhydraten. An meiner Weste sind zwei Stück befestigt, alle 20 km muss ich beide Flaschen füllen. Wegen meines bei langen Läufen vorhandenen Bedürfnisses an Süßem trinke ich an jeder Station Limonade. Stündlich verleibe ich mir zudem zwei Salzkapseln ein. Ich spüle mit zwei Becher Grapefruitlimonade mit zu viel Kohlensäure nach und laufe weiter. 

Jetzt geht es aus dem Wald heraus, neben einer autobahnähnlichen Schnellstraße entlang, unter einem Tunnel hindurch zu Kleingartenanlagen. Kleine Parzellen, von vorwiegend übergewichtigen Pächtern gepflegt und mit unzähligen Gartenzwergen drapiert. Die ersten Grille sind schon aufgestellt. Wir Läufer werden mit großen Augen angeschaut. Ich bilde mir ein, bei einigen von ihnen den Gedanken „die spinnen…“ von der Stirn ablesen zu können.

Neben Eisenbahnschienen entlang geht es durch Durlach. Hermann habe ich inzwischen ziehen lassen, bin aber immer noch für mein anvisiertes Tempo zu schnell. Ich muss akzeptieren, dass ich es nicht schaffe, mein Tempo zu verlangsamen. An einer Fußgängerschranke überquere ich die Schienen und zum Glück bleiben die Schranken oben. Wäre doch jetzt zu blöd an einer Schranke warten zu müssen.

Doping-Pulver und der Gag mit dem Bart

Durlach lassen wir hinter uns. Es wird Zeit meine zweite Kohlenhydratflasche zu leeren. Wir laufen durch grüne Naherholungsgebiete mit Wiesen, vielen Büschen und vereinzelten Bäumen nach Pfinztal, der ersten Staffelwechselstelle. Hier werden auch die Steigungen losgehen. Vorher müssen wir erneut über Schienen der örtlichen Stadtbahn. Kurz vor den Schienen schaltet die Ampel doch tatsächlich auf rot. Ich blicke nach rechts und links, die Bahn kommt, ist aber weit genug weg, also sprinte ich hinüber. Innerlich muss ich lachen, dass mir genau das passiert. Dennoch habe ich inzwischen meinen Rhythmus gefunden, scanne meinen Körper regelmäßig nach Unstimmigkeiten ab und genieße den Lauf. 

Bei der Staffelwechselstation beide Flaschen herausfummeln, öffnen, zwei Beutel Kohlenhydratpulver holen, öffen, in die Flaschen füllen und von einem der zahlreichen freundlichen, engagierten Helfer füllen lassen. Wieder in der Weste verstauen, zwei Salzkapseln nehmen, mit Süßem nachspülen und weiter.

marathon verpflegung - Outdoor Adventure: Mein erster Ultralauf

„Was ist das für Pulver?“ fragt ein Helfer. „Kohlenhydratpulver“ anworte ich. „Sicher?“, fragt er. „Ja“, antworte ich freundlich. Der alte Dopingwitz mit endlos langem Bart, aber egal. Er füllt beide Flaschen mit Wasser. Ich hinterlasse ihm die leeren Verpackungen und bedanke mich. „Dann kann ich mir genauer ansehen, was die wirklichen Inhaltsstoffen sind“, antwortet er grinsend. Der ganze Vorgang dauert etwa fünf Minuten. Dennoch liege ich wegen meines Tempos knapp zehn Minuten vor meinem Zeitplan. 

Ich laufe die Straße weiter, einen Weg zwischen zwei Häusern auf einen Wald zu. Aufwärts und um die Kurve, bis ich den nun zu folgenden Weg in seiner ganzen Pracht sehe: Steil bergauf, alle Läufer wegen der Steilheit gehend. Das erste Stück laufe ich noch, muss aber nach einger Zeit auch gehen.

Durch die Streckenkenntnis weiß ich, dass es jetzt in 2 – 3 Kilometern mehr als 100 Höhenmeter aufwärts und für die nächsten 20 km ständig auf- oder abwärts geht. Schon nach kurzer Zeit laufe ich wieder. Weiter, immer weiter. Ein kleines Stück geht es eben, kurz bergab und sofort wieder bergauf. Ich spüre starken Druck und laufe entsprechend etwas zu schnell. Nach fünf Kilometern hoch und runter spüre ich stärker werdende Erschöpfung, sowohl in den Beinen als auch im Kopf. Jetzt schon so müde.

Alter Schwede, alles wird so langsam

Es sind noch weitere 35 km Steigungen zu schaffen. Das kann nix werden. Verzweiflung breitet sich in mir aus, ich werde zunehmend mutlos. Schließlich regt sich hinter der dumpfen Erschöpfung und Verzweiflung in meinem Kopf ein Gedanke: Du liegst immer noch vor deinem Zeitplan. Selbst wenn du einen Einbruch bekommst, finshst du immer noch mit guten 8:30. Jetzt kämpfe weiter und lass dich nicht gehen. Stimmt. Klares Denken fällt mir zunehmend schwerer. Wir sind erst bei Kilometer 25 und schon jetzt kann ich nur noch langsamer denken. Ich spüre plötzlich einen starken Schmerz in den Muskeln über und unter dem Knie. Sobald ich das linke Bein beuge, schmerzt es. Es fühlt sich aber nicht wie eine Verletzung an. Ich laufe in den Schmerz hinein, hinke die ersten zwanzig Meter etwas, dann geht es wieder.

ultralauf laufen running - Outdoor Adventure: Mein erster Ultralauf

Der Weg führt aus dem Wald heraus durch ein Getreidefeld. Ein Stück vor mir sehe ich aus dem Getreide heraus laufende Oberkörper herausragen und nach links laufen. Dann geht es durch die Felder bergab. Hermann ist inzwischen in Sichtweite. Ich komme ihm langsam näher. Wir erreichen Jöhlingen, unter einer Unterführung durch, eine Straße bergauf und zur nächsten Steigung. Es ist eine große Wiese mit einzelnen Büschen und vielen Getreidefeldern. Man kann weit blicken, aber Hermann ist nicht zu sehen. Wow, hat er einen Spurt bergauf gemacht? Ich hatte nicht bemerkt ihn überholt zu haben. Wieder gehen so gut wie alle Läufer, ich notgedrungen und vernünftigerweise auch. Ich habe den Kampf angenommen, gehe wo nötig, laufe wo es geht, bin hochkonzentriert. Oben sieht man wie immer ein fantastisches Panorama mit Wiesen, Feldern, Bergen, Wäldern und Dörfern. Ein grandioser Ausblick.

Es geht bergab zum nächsten Dorf. Getränkestation, Salzkapseln, bäh, mit Süßem nachspülen, weiter. Kurz nach der Station höre ich ein Grunzen. Im ersten Moment erschrecke ich, befürchte Wildschweine, drehe mich um und sehe einen Läufer, der sich der zu vielen Kohlensäure am Wegesrand entledigt. Durch die zunehmende Müdigkeit ist die Wahrnehmung offenkundig verlangsamt, ich fühle mich aber trotz der auftretenden Müdigkeit, die meinen Kopf etwas vernebelt, geistig ruhig und gut. Es geht wieder einen Waldweg hinauf. Laubbäume in saftigem, üppigen Grün mit vereinzelten Nadelbäumen. Dann bergab zur nächsten Getränkestation. 

Ich frage nach Hermanns Startnummer, er ist noch nicht dagewesen. Komisch, muss ihn irgendwo überholt haben. Oder er hat sich verlaufen. Er hat sich die Strecke vom letzten Jahr auf seine Uhr geladen. Dieses Jahr ist sie aber an manchen Stellen anders. Wie mir Hermann später berichtet, hatte er sich dort tatsächlich um ein paar 100 Meter verlaufen. Deshalb habe ich ihn überholt, ohne es zu bemerken.

Mein erster Ultralauf | Bergfest und ein Hoch auf die Mixcola

Es geht den Wald hinauf. Ich muss ein Stück gehen, es geht nicht anders. Ich fühle mich aber unwohl dabei, schließlich bin ich Läufer, nicht Geher. Was sein muss, muss aber sein. Bergab nach Mutschelbach, Kilometer 40, Halbzeit. Hier ist auch die zweite Staffelwechselstelle und der Marathonstart um 20 Uhr. Wieder stehen Menschen am Streckkenrand und feuern uns an. Es ist 20:55 Uhr, ich liege gut in der Zeit. Ich habe hier ein Langarmshirt, weitere Kohlenhydratbeutel und meine Stirnlampe deponiert. Shirt anziehen, Stirnlampe aufziehen, Flaschen wieder mit Kohlenhydraten und Flüssigkeit nachfüllen. 

Wieder kommt vom einem Helfer der Dopingwitz. Salzkapseln einnehmen, Grapefruitlimonade gibt es hier nicht mehr, aber eine Arte Mixcola. Auch gut, ein anderer Getränkesponsor, wie ich sehe. Weiter geht’s. Der Weg führt neben der Straße aus dem Dorf heraus, unter einer Autobahnbrücke hindurch, dann links in den Wald hinein.

volkslauf - Outdoor Adventure: Mein erster Ultralauf

Ab jetzt kommen noch 460 Höhenmeter in gleichmäßiger leichter Steigung. Der Wald ist hier dichter, dunkler, es gibt erheblich mehr Nadelbäume. Aus dem Wald geht’s hinaus über eine Straße. Ein Polizist stoppt die Autos für mich, Danke, winken und weiter. Ich komme an einem mit Jugendlichen bevölkerten Grillplatz vorbei. Ich öffne den Mund, damit der laute Technoschall, der zu meinen Ohren hereinkommt aus dem Mund wieder herausgeht, und laufe weiter. Auch im Training liebe ich, trotz aller Erschöpfung die langen Läufe. Egal wie schlecht es mir vorher ging, immer entsteht eine angenehme Ruhe im Körper und Geist. So ist es trotz aller Anstrengung auch hier. In Ruhe laufe ich meinen Stiefel weiter. 

Im nächsten Dorf stehen Zuschauer am Rand und feuern die Läufer an. Teilweise haben sie Grills und Bierbänke aufgebaut, essen und trinken und zelebrieren den Nachtlauf so auf ihre Weise. Im Ort abbiegen, bergauf laufen auf einen Hügel mit einem tollen Panorama hinauf. Inzwischen habe ich etwas mehr als 50 km hinter mir. In knapp 10 km kommt Langenalb, der höchste Punkt des Laufes. Ab da geht es so gut wie nur noch abwärts. Es wäre toll, wenn wieder mal eine starke Steigung kommen würde, dann dürfte ich gehen. Nix da, weiterlaufen. Die Müdigkeit steigt aber, also doch 100 Meter gehen und wieder weiterlaufen. Wieder kommt der Schmerz um das linke Knie herum.

Über Asphalt und Schienen hinweg

Die Woche vor dem Lauf hatte ich bei der Arbeit starken Stress und dieser verbraucht Magnesium. Wieder gelingt es mir in den Schmerz hinein zu laufen und ihn so loszuwerden. Aus Intuition heraus beginne ich mehr Salzkapseln zu nehmen, erst zwei alle 30 Minuten und dann ab Langenalb alle zwei Kilometer. Für alles zahlt man einen Preis. Sollte dieser darin bestehen, die Nacht auf der Toilette wegen Durchfall zu verbringen, zahle ich ihn gerne. Es geht eine lange Straße durch Langenalb zur dritten Staffelwechselstelle, über Schienen. Zum Glück keine Stadtbahn, und dann bin ich da. Hier wurde ein kleines Fest organisiert mit Grill und Alkohol, was von der örtlichen Bevölkerung offenkundig gut besucht wird.

Das gleiche Ritual, Flaschen füllen, der immer gleiche Dopingwitz, den ich mit „das haben die anderen auch schon gesagt“ beantworte, Salzkapseln und… Moment, mir ist plötzlich übel. Wenn ich nicht aufpasse, muss ich mich übergeben. Also nix Süßes mehr zu mir nehmen. Zu wenig Kohlenhydrate bedeuten aber nicht finishen. Übergeben bedeutet aber wohl auch nicht finishen. Also Kompromiss, nur noch Wasser und reduziert weiter Kohlenhydrate trinken und viel mehr Salz. Die Berge habe ich geschafft, jetzt geht es nur noch abwärts oder ebenerdig. Etwas liege ich hinter meinem Zeitplan. Dafür kommt keine Steigung mehr.

nachtlauf karlsruhe - Outdoor Adventure: Mein erster Ultralauf

Vorsichtiger Optimismus macht sich breit

Ein Stück geht der Weg neben der Straße entlang, bis er im dunklen Wald verschwindet. Der Weg ist wegen zahlreicher größerer Steine schwer zu laufen. Für die nächsten Kilometer geht es stark bergab. Es wird dunkel, so dass man ohne Stirnlampe nur noch wenig sieht. Bergab laufen ist erholsam, könnte man meinen. Nicht aber für die geschundenen Muskeln und Sehnen. Hier kann ich Zeit gut machen, in Langenalb lag ich fünf Minuten hinter meinem Plan. Also schalte ich endlich meine Stirnlampe an und laufe was das Zeug hält. 

Die Oberschenkel beschweren sich lautstark. In Marxzell stehen jüngere Kinder mit einem Getränkestand: „Möchten Sie Wasser?“ – „Nein, danke“, antworte ich. „Wollen Sie dann etwas essen?“, fragen sie. Wir haben etwa 23:30 Uhr, diese Kinder sind jünger als 10 Jahre alt und wollen die Läufer unterstützen. Toll! „Sorry, wenn ich jetzt esse, muss ich mich übergeben. Sehr nett von euch, danke.“ 

Über die Straße geht’s hinüber zum Rand von Marzell und dann rechts zum Schwimmschulweg. Dann geht es viele Kilometer durch den dunklen Wald, leicht bergab bis Ettlingen. Die nächste Zwischenstation ist Fischbach. Inzwischen bin ich so weit am Stück gelaufen wie noch nie in meinem Leben zuvor. Dieser Gedanke findet aber keinen emotionalen Wiederhall. Zu dumpf ist inzwischen mein Schädel, angefüllt von Nebelschwaden von Müdigkeit. Ich denke nur noch langsam und etappenweise. Als nächstes kommt Fischbach. Mittlerweile ist es stockdunkel.

Ganz schön viele Tiere in der Nacht

Vereinzelt überhole ich einige der langsameren Marathonläufer. Jeden grüße ich und feuere ihn an. In Fischbach trinken und gleich weiter. Vereinzelt huschen Spitzmäuse erschreckt aus dem Lichtkegel meiner Stirnlampe. Manche Glühwürmchen säumen meinen Weg, einzelne Fledermäuse fliegen über meinen Kopf. Diesen Teil der Strecke liebe ich. Man sieht fast nichts und läuft einsam und fokussiert im Lichtschein durch die Dunkelheit. 

Die Beine werden immer schwerer, die Krämpfe stärker und häufiger. Der Punkt der totalen Erschöpfung rückt unaufhaltsam näher. Aber weiterlaufen, es hilft nix, muss irgendwie gehen. 100 Meter gehen und dann wieder laufen, weiter bis Ettlingen, dem nächsten Etappenziel. Dort werde ich nämlich wie vereinbart meine Frau Simone anrufen. Dann kann sie entscheiden, ob sie zum Zieleinlauf kommen möchte. Inzwischen sind wir bei Kilometer 70, laufen und gehen wechseln sich ab. 

Ettlingen kommt bei Kilometer 73. Handy herausfummeln, Simone anrufen, Mailbox ist dran. Wahrscheinlich ist sie schon zum Zielbereich unterwegs. Kurz teile ich ihr mit wo ich bin und dass ich noch die geringe Chance sehe in unter 8 Stunden zu finishen, dass es aber knapp wird und dass ich es versuchen will.

Körper, Geist und alles andere streiken

Hoffentlich bin ich dann um kurz vor 1 Uhr im Ziel. „Ich war bei der Parkplatzsuche, hörte mein Handy klingeln, konnte aber nicht drangehen“, so Simone später. Bei meinem ersten Marathon hatte ich ihr aus Unerfahrenheit bezüglich meiner Leistungsfähigkeit gesagt, ich wäre in 4:30 Stunden im Ziel. Da ich den Marathon aber in 4:05 Stunden finishte, hatten sie und unser Sohn meinen Zieleinlauf verpasst. „Als ich die Mailbox abgehört habe, war ich froh bei deinem Zeileinlauf dabei sein zu können, auch wenn du dich sehr erschöpft angehört hast“, so meine Frau.

running - Outdoor Adventure: Mein erster Ultralauf

Ein  paar Hundert Meter kann ich laufen, dann wieder nur gehen. Los, du hast die Chance, nutze sie. Am Ende von Ettlingen geht der Krampf in meinen Beinen gar nicht mehr weg. Auch in den Schmerz hineinlaufen hilft nicht mehr wirklich. Ich torkele neben der Schnellstraße entlang, etwa 1,5 Kilometer, bis es nach links in Richtung Autobahn geht. Nach 400 Meter laufen gehe ich 200 Meter. Die Autobahnbrücke ist zu steil, also gehe ich. Jetzt bin ich wieder auf der gleichen Strecke wie beim Start. Ich höre schon von weitem den Stadionsprecher. Los, lauf, gib alles. Geht aber nicht mehr. 100 Meter laufen, gehen, laufen. Ein helles Licht, Stadioneinlauf.

Eine junge Frau, eine Helferin, steht am Stadioneingang. Ich grüße sie und laufe tatsächlich die ganze Stadionrunde bis zum Ziel, es ist eher ein Hinken. Die letzte Kurve, dann die Zielgerade. Obwohl es 1 Uhr nachts ist, stehen viele Leute am Ziel und klatschen. Und hinter der Zielinine steht meine Frau, nimmt mich in den Arm. Sie gratuliert mir und ich hauche ihr ein „Danke für die Unterstützung“ ins Ohr. Geschafft. Ein unglaubliches Glücksgefühl breitet sich plötzlich in meinem Körper aus.

Mein erster Ultralauf | Verdammt, ich hab’s echt geschafft

Zu meinem Erstaunen kann ich noch gut stehen. Wir setzen uns auf eine Bank und ich erzähle ihr von meinem Lauf. Dann will ich noch meine Zeit wissen. Ich stehe in Zeitlupe auf und hinke breitbeinig zum Computer hinüber. Zwei Helfer sehen mich und lachen. „Das muss sein“, meint einer, „das gehört dazu.“ „Ja, den Preis zahle ich gern“, antworte ich. Da ich nicht mehr in der Lage bin, die kleinen Zahlen am Computerbildschirm zu entziffern, frage ich einen jüngeren Läufer, wie schnell ich war. 7:55:45 Stunden. Gesamtsechzehnter von – wie sich später herausstellt – 119 Finishern. Hermann wird mit knapp 8:51 Stunden Altersklassensieger. Er konnte mit seinen neuen Einlagen schmerzfrei bis ins Ziel laufen.

„Du warst vollkommen angefüllt und total leer zugleich“, sagt Simone später über die Minuten nach dem Zieleinlauf dieser magischen Nacht. „Vollkommen ausgepowert und irgendwo ganz woanders. Beim Erzählen hast du ständig umhergesehen, mich nie fixiert. Jeden ankommenden Läufer hast du lautstark bejubelt, ich glaube, weil du in ihnen gesehen hast, was du geleistet hast. Zugleich warst du glücklich und erfüllt. Für mich ist absolut klar, dass du so etwas nicht zum letzten Mal gemacht hast.

marathon - Outdoor Adventure: Mein erster Ultralauf

Mein erster Ultralauf | Mein Fazit

Ultralaufen hat etwas autistoides, wie ich finde. Viele Stunden absolut auf sich selbst konzentriert, ständig den eigenen Körper scannen, sich motivieren und antreiben, so gut wie nicht sprechen und die Landschaft intensiv wahrnehmen. Die Intensivität der Gefühle während des Laufs kann ich schlecht in Worte fassen. Sie sind einfach sehr intensiv, die angenehmen wie Freude und auch die unangenhemen wie Traurigkeit und Schmerz. Für mich war es ein völlig genialer und emotionaler Höllenritt. Ich brauchte entsprechend lange Zeit mich wieder umzustellen. Von dem stundenlangen in mir drin sein und in mir wahnehmen. 

Den darauffolgenden Tag laufe ich mit einem innerlichen Dauergrinsen herum. Bei meinem ersten Marathon hatte ich mir bei Kilometer 41, also kurz vor dem Ziel, vorgenommen, nie wieder einen Marathon zu laufen. Das Vorhaben hielt genau bis zur Ziellinie. Dieses Mal war es anders. In jedem Moment des Laufs habe ich es nicht bereut und trotz aller Schmerzen genossen. Theoretisch zu wissen wozu der menschliche Körper fähig ist und es praktisch zu erleben ist ein großer Unterschied. 

So hart der Lauf auch war, so märchenhaft war der Lohn. Durch so ein Tief hindurchzulaufen, durch Müdigkeit und Verzweiflung, gibt einen ungeheuren Energieschub. Die meisten Menschen in meiner persönlichen Umgebung versuchen mit aller Kraft Schmerzen auszuweichen. Der Ultraläufer sucht sie bewusst auf und läuft durch sie hindurch, was eine sehr energievolle Erfahrung ist.

Analyse und Optimierung von Details

Bezüglich meiner Leistung bin ich hochzufrieden. Mein Traumziel habe ich erreicht. Dennoch gibt es Luft nach oben und der perfekte Lauf war es noch nicht. So bequem meine Weste war, so mühsam war es, die Flaschen herauszufummeln und zu befüllen. Ein vernünftiger Trinkgürtel mit ausreichend Platz für kleine Kohlenhydratpäcken könnten einiges an Zeit sparen. Auch hat mich mein Harakiri-Start am Schluss Zeit gekostet. Durch die aus Unerfahrenheit in den Sand gesetzten Lalas fehlte mir gegen Ende Ausdauer. 

Aber es fühlt sich toll an, dass das noch nicht das Ende der Fahnenstange bedeutet. Ich werde weiter Ultras laufen und möchte mit noch größeren Distanzen meine Grenzen weiter verschieben. Übrigens: Gegen halb vier morgens kam ich nach diesem Lauf ins Bett und schlief drei Stunden toiletten- bzw. durchfallfrei. Treppenlaufen bereiteten mir am nächsten Tag Schmerzen und laufen war unmöglich. Aber ansonsten alles okay.

ultralauf ultramarathon - Outdoor Adventure: Mein erster Ultralauf

Hier sieht du mich auf der Laufstrecke in Karlsruhe, allerdings nicht bei diesem Ultralauf. Ich hatte bei einer früheren Veranstaltung schon mal teilgenommen und bin damals die Marathon-Distanz gelaufen.

Beruflich arbeite ich in meiner eigenen Praxis in einem Vollzeitjob und kümmere mich so gut es geht um meine Familie. Das Laufen habe ich vor fünf Jahren angefangen zu intensivieren, als Ausgleich zu einem rastlosen Leben. Auch um mich innerlich vom Stress zu „reinigen“. Das Ultralaufen – damit meine ich Wettkampf und Training – ist das Element in meinem Leben, das mir noch gefehlt hat. Auch wenn ich an meinem persönlichen Limit gelaufen bin und stolz auf meine Zeit und die Platzierung bin, ist das nicht das Entscheidende. Ich bin an meine Grenzen gegangen und habe sie verschoben. Das war ein ganz erfüllendes und intensives Erlebnis.

Der Fidelitas Nachtlauf ist ein hervorragend organisierter Ultralauf mit schöner Strecke, guter Streckenverpflegung und tollen, sympatischen Helfern. Die Streckenmarkierung war überwiegend gut. Das war sicherlich nicht meine letzte Teilnahme an diesem schönen Ultralauf.

Vielen Dank an die Veranstalter, dass wir Fotos für diesen Artikel verwenden dürfen.

Vielen Dank an Heiko von www.peopleabroad.de für seine große Unterstützung

Photocredits: Fidelitas Nachtlauf















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